Esther Kogelboom ringt mit guten Vorsätzen : Nur Geduld!

Geduld ist wohl die wichtigste Maxime beim Umgang mit einem Kleinkind.

von
Esther Kogelboom.
Esther Kogelboom.Foto: Mike Wolff

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, murmle ich jedes Mal, wenn der Kleine sich im Schneeanzug auf den Bürgersteig wirft, weil er nicht mehr laufen will. Ein schlauer Spruch aus einem Erziehungsratgeber, den ich mir eingeprägt habe.

Langmut trainiere ich auch bei unseren ersten Gesprächen. Hier ein Beispiel:

„Das da is?“

„Ein Pfannenwender.“

„Damit machen kann?“

„Ein Spiegelei aus der Pfanne holen.“

„Das da sind?“

„Schlitze im Pfannenwender.“

„Damit machen kann?“

„Hm. Was abtropfen lassen?“

„Abtropfen is?“

„Wenn du aus der Badewanne kommst ...“

„Badewanne gehen!“

„Nee, jetzt nicht.“

„BADEWANNE GEHEN!“

Eine Freundin wies mich vor kurzem auf eine riesige Tablet-Werbung hin, die gerade am Alexanderplatz zu sehen ist. Ein Vater sitzt vor dem Bildschirm, auf seinem Schoß sein Kleinkind. Auf dem Tablet sind viele Anwendungen gleichzeitig offen: ein Kreisdiagramm, eine Präsentation, wahrscheinlich die „Sendung mit der Maus“ und der Videoanruf einer Frau in Hemdbluse.

Damit machen kann?

Mit so einem Gerät lässt sich ein Zweijähriges betreuen und nebenher ordentlich was wegarbeiten.

Ich blieb ein bisschen auf der Straße stehen und überlegte, ob ich mich aus Protest auf den Bürgersteig werfen soll.

Meine kläglichen Versuche der Heimarbeit mit Kind sind nämlich bisher ausnahmslos gescheitert, und ich begreife auch nicht, wie man propagieren kann, dass so was funktioniert. Mein Gehirn ist leider kein Tablet mit Split Screen, es kann sich nicht halb aufs Kind, halb auf einen Text konzentrieren. Anfangs dachte ich noch, Mails schreiben oder telefonieren ginge vielleicht. Geht nicht. Man wirkt ja immer so hysterisch, wenn man am Handy die Stimmlage wechselt: „Bla, bla, bla – HEY NICHT IN DEN BACKOFEN – Entschuldigung. Bla, bla, bla – ach, VORSICHT – bla.“

Mein Laptop und das Telefon sind außerdem tausendmal interessanter als das interessanteste Spielzeug.

Das da is?

„Mama ist gleich fertig“, sagte ich einmal, ohne mich vom Bildschirm abzuwenden. „Bau doch schon mal das Krankenhaus für Tiere auf.“

„Nein. Mama, Höhle bauen!“

„Vielleicht später.“

„Oma online is? Skypen?“

„Nein.“

Das Ergebnis waren ein Wachsmal-Wandgemälde und eine Klobürste im Wäschetrockner.

Ich hab’s aufgegeben.

Jetzt bin ich Besitzerin einer Stabi-Jahreskarte. Wenn ich das Kind nach ein paar Stunden im Lesesaal aus der Kita abhole, bin ich von mir aus bereit für eine komplizierte Operation an den Beugesehnen des Giraffenhalses.

Meine Lektion: Falsch verstandene „Vereinbarkeit“ richtet größeren Schaden an als eine saubere Trennung von Arbeits- und Kinderzeit.

Die Freundin, die mich auf die Tablet-Werbung hingewiesen hatte, kennt aber doch einen Trick, ihre kleine Tochter zu beschäftigen. Sie hat ihr gezeigt, wie man Mandarinen schält. Mindestens zehn Minuten bleibt das Mädchen nun still sitzen – und wenn es mit der Schale fertig ist, braucht es weitere fünf Minuten, um das weiße Zeug von der Frucht abzufummeln und das Fruchtfleisch im Gegenlicht der Küchenlampe auf Kerne zu untersuchen.

Genial! Ich habe gleich drei Netze davon gekauft.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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