Esther Kogelboom ringt mit guten Vorsätzen : Tage wie dieser

Weil an Nachtschlaf nicht mehr zu denken ist, habe ich mir fest vorgenommen, es tagsüber zu tun. „Schlafe, wenn dein Baby schläft“, so lautet der Rat der Hebamme.

Esther Kogelboom
Esther Kogelboom.
Esther Kogelboom.Foto: Mike Wolff

Auch wenn Wäsche-Alpen die Sicht aufs Mittelmeer versperren. In Ordnung. Hier das Protokoll eines Donnerstags:

4:14 bis 6:00: Stillen, summen und rumtragen. Wickeln. Kind schläft bei Presseschau im Deutschlandradio ein. Jetzt heißer Kaffee und Butterbrote.

8:00: Gerade war ich eingeschlafen, da wacht das Kind auf. Stillen. Fühle mich leicht verkatert und gerüttelt, wie nach einer Nachtfahrt im Zug. Lege den Kleinen in den Wäschekorb, weil ich meine Zähne putzen will – er schreit. Verschiebe das Zähneputzen. Kühlschrank leer.

8:30: Gar nicht so einfach, das Kind und mich gleichzeitig ausgehfertig zu machen. Ob das irgendwann schneller geht? Auf dem Weg zum Supermarkt schlummert der Kleine sanft gebettet wieder ein. An der Ampel schaut ein Geschäftsmann mit Aktentasche und distinguiertem Wollmantel in den Kinderwagen und ruft: „Hat der es aber gut!“

9:00 bis 10:30: Rückkehr nach Hause. Schleppe Einkäufe und schlafendes Kind in die Wohnung. Bemühe mich, den Schneeanzug minimalinvasiv auszuziehen. Kind gähnt und wacht auf. Stillen. Wickeln.

10:30 bis 12:00: Versuche, das Baby in vorteilhaften Posen auf dem Ehebett zu fotografieren. Aus einer Salatschleuder und goldener Bastelfolie stelle ich einen Reflektor für das wenige Licht her, das durchs Schlafzimmerfenster fällt. Komischerweise geben die Fotos den Zauber des jungen Lebens nur unzureichend wieder. Kind döst weg, diesmal reagiere ich blitzschnell und lege mich sofort dazu.

12:15: Hat es etwa an der Tür geklingelt? Nein.

12:16: Jemand klingelt. Kind schreit genervt. Ich schleppe uns zur Gegensprechanlage. „Hallo?“ – „Jugendamt!“ Lustig. Ein neuer Sparwitz von Freundin K.! Ich drücke auf den Türöffner. Das genervte Schreien des Kindes hat sich zu einem Brüllen gesteigert. Ich öffne die Wohnungstür – vor mir steht nicht K., sondern eine lächelnde Unbekannte mit auberginefarbenen Haaren. Das Jugendamt eben. Muss vergessen haben, den Routinebesuchstermin im Kalender einzutragen.

12:45: Das Jugendamt hat uns in mäßiger Verwahrlosung allein gelassen. Nun haben wir eine Kinderzahnbürste und Informationen darüber, wie man ein Neugeborenes richtig bettet. Stillen, wickeln. Mittagessen. Ist denn wirklich erst Mittag?

14:00: Rückbildungsgymnastik, unterbrochen von längerem Stillen. Die Babys dösen auf Minisitzsäcken in der Mitte. Ein einziges Dutzdutzi–ja-kuckuck. Ich will nur weg – und mache einen großen Fehler: Als Einzige nehme ich nicht an der Teerunde im Anschluss teil. Sehr, sehr müde. Kalt auch.

16:00: Wie eine Schlafwandlerin schiebe ich den Kinderwagen die Straße entlang, vorbei am Büro des Mitsorgeberechtigten. Noch zwei Stunden, dann Ablösung.

16:45: In einem Schaufenster erblicke ich ein Sommerkleid mit Seerosenblätterprint. Hatte ich mich eigentlich schon belohnt? Ich wuchte den Kinderwagen in den Laden. Kleid spannt unvorteilhaft, Busen laktationsbereit, Taille weg. Kind schwitzt im Schneeanzug, Verkäuferin guckt mitleidig. Schnell raus. Zwei Rosinenschnecken vom Bäcker.

17:00: Endlich zu Hause. Kind schnarcht friedlich. Ich schließe die Augen. Lider bleischwer. Herzrasen. Busen muss sofort stillen, sonst droht Milchstau. Ich wecke Kind.

18:00 bis 22:00: Ablösung. Vier Stunden dösen. Mal hören, was im Deutschlandradio läuft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben