Esther Kogelboom ringt mit guten Vorsätzen : Todesfallen und Gummikanten

Freundin P. ruft an, sehr aufgeregt. „Stell dir vor“, wispert sie in den Hörer, „ich war nur kurz im Bad, bei offener Tür natürlich, und als ich wieder in die Küche komme, ist Finni einfach weg!“

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Esther Kogelboom.
Esther Kogelboom.Foto: Mike Wolff

„Was?“, frage ich, schließlich ist Finni gerade mal ein gutes halbes Jahr alt. „Wo ist er denn hin?“ – „Er hat sich unter den Schrank gerollt! Von der Krabbeldecke! Ganz allein!“ P. ist überwältigt. Kinder eines gewissen Alters fangen ohne Vorwarnung an, sich selbstständig fortzubewegen. Eltern erschrecken meist gewaltig. Sie waren es ja bis dato gewohnt, das Kleine überall ablegen zu können. Plötzlich geht das nicht mehr so einfach. Dann schlägt die Stunde des Steckdosenschutzes und des Laufstalls.

Rückblende: Unsere kleine Familie war einmal in einem vegetarischen Clubrestaurant essen. Das Kleine lag schön weich auf einer gepolsterten Bank und schlief, während wir darauf anstießen, dass unsere Leben sich eigentlich kaum verändert hatten. „Die anderen spinnen alle mit ihrer Paranoia“, erklärte der Mitsorgeberechtigte. „So ein Baby kann man überall mit hinnehmen“, pflichtete ich ihm bei, den langen Blicken der Kellnerin ausweichend.

Selbstgerechtigkeit ist typisch für junge Eltern. So erinnere ich mich zwar nicht mehr daran, was wir aßen, wohl aber an die Rechnung: die durchwachte Folgenacht, in der unser Baby die vielen vegetarischen Eindrücke aus der Berliner Clubrestaurantwelt verdaute, den furchtbaren Folgetag, den wir übermüdet totschlugen, sowie die anschließende Nacht, in der wir mit gedämpften Stimmen darüber stritten, wer von uns beiden es schwerer hat. Ich natürlich, denn ich stillte ja.

Freundin P. hat nun einen Laufstall angeschafft, ein Achteck aus Kiefernholzstäben mit Bärchenmatratze und Bärchenhimmel. So hat sie ab und zu die Hände frei, um den Abwasch zu machen. Finni übt währenddessen unter wolfsartigem Geheul, sich an den Stäben hochzuziehen. Klar, er würde sich lieber wie die anderen Babys unter den Schrank rollen und mit Staub einreiben.

Auch wir haben unsere Wohnung nun kindersicher gemacht. Dazu gehören klassischerweise Plastikeinsätze für die Steckdosen, die Verbannung der gläsernen Bodenvase und sämtlicher filigraner Dekoration in den Keller, auch das Wegschließen der Putzmittel. Es ist ein bisschen kahl bei uns, woran der Erste-HilfeKurs für Babys, den wir an der Charité absolviert haben, nicht ganz unschuldig ist. Er wurde geleitet von einer mit allen Wassern gewaschenen Kinderkrankenschwester, die recht farbig von Verätzungen, keimenden Haselnüssen in Lungenflügeln und dem Horror, der von den großelterlichen Gartenteichen ausgeht, berichtete: „Eenmal uff der feuschten Teichfolie ausjerutscht, und tschüssi!“

Die Krönung war der Einwurf eines fahrig wirkenden Vaters. Er hätte gerade eine neue Wohnung gekauft, „Berlin-Mitte, mit großer Dachterrasse“. Wie könne er das Geländer sichern? – „Wohnung verkaufen“, schallte es wie aus einer Kehle zurück. Häme ist neben Selbstgerechtigkeit jungen Eltern auch nicht fremd.

Ich wittere nun überall Gefahren. Fast hätte ich sogar diese Gummi- Ecken gekauft, die man auf spitze Tischkanten stecken kann, damit das Kind sich nicht stößt. Doch dagegen wetterte Nachbarin B. neulich im Hausflur – ihr Enkel hatte sich mal eine Gummi-Ecke so tief in den Mund gesteckt, bis er sich hinten im Hals festgesetzt hatte. Nur durch ihren beherzten Einsatz mit der Kneifzange konnte sie das Vakuum lösen. Gut, es blutete heftig, aber das war zum Glück nur der verletzte Gaumen. Nachbarin B.’s Motto: Lieber ein paarmal kräftig den Schädel an der Tischkante stoßen, als an Sicherheitsmaßnahmen zu ersticken.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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