Esther Kogelboom ringt mit guten Vorsätzen : Unterwegs mit einem Kettenhund

Letzte Nacht lag ich neben einem kleinen Kettenhund in Menschengestalt.

von
Esther Kogelboom.
Esther Kogelboom.Foto: Mike Wolff

Gegen vier Uhr fing das Kläffen an – erst war es leise und unregelmäßig, dann steigerte es sich zu einem Megafon-Rasselgebell mit unnatürlichem Fiepen.

So was hatte ich zuletzt mit Grausen auf Teneriffa gehört, wo es viele Wachhunde gibt.

Schlaftrunken wickelte ich das Bündel aus Husten in eine Decke, setzte ihm eine Mütze auf, öffnete das Fenster und ließ es die kühle, feuchte Nachtluft einatmen. Es half nichts. Verständlicherweise von seinem eigenen Gebell verängstigt, begann es herzerweichend zu weinen. Schnappatmung.

Im Nachbarhaus ging das Licht an.

Pseudokrupp, du elender Mistkäfer von nächtlicher Kinderkrankheit!

Das Wichtigste ist, da sind sich alle Elternratgeber einig, die Ruhe zu bewahren.

Auf keinen Fall das Kind den mütterlichen Schrecken spüren lassen! Und immer wieder einreden: Es ist nur ein meist harmloses Schnupfenvirus, das halt den Kehlkopf in Mitleidenschaft zieht.

„Müssen wir etwa Notaufnahme?“, fragte der Vater und knipste mit einer routinierten Bewegung die Nachttischlampe an.

„Hmmmm“, antwortete ich, weil man um diese Uhrzeit normalerweise nicht redet.

Da sah ich, wie ein Bächlein Blut aus dem Nasenloch des Kleinen rann.

Wir also nach Lichtenberg, in unsere Lieblings-Kindernotaufnahme, die mit dem großen Aquarium im stylischen Wartebereich. Es könnte ja schließlich auch Keuchhusten oder Lungenentzündung sein. War im vietnamesischen Glasnudelsalat nicht eine Erdnuss gewesen, die versehentlich in die Luftröhre geraten sein könnte?

Fluchend strahlten wir Ruhe aus. Die Lichter der Großstadt spiegelten sich in den Pfützen auf der Frankfurter Allee, durch das geöffnete Autofenster spritzte mir der Regen auf den Schoß. Aus dem Kindersitz röchelte es bedrohlich. Wir überfuhren eine rote Ampel.

Im Wartebereich, wir hatten bereits umständlich eingecheckt, wurde das Bellen ganz plötzlich leiser. Begeistert stapelte der Junge ein paar Holzklötze aufeinander, um den Turm gleich darauf umzuwerfen. Vor den Augen der Fiebernden und Erbrechenden verlangte er laut und deutlich nach einem Käsebrot und einer Flasche Milch. Klar, es war langsam Frühstückszeit.

Es gibt wenig Schlimmeres, als nachts mit einem kranken Kleinkind zum Arzt zu müssen. Zum Glück einfach nur peinlich: Im Krankenhaus zu erkennen, dass der Grund, weswegen man dort ist, sich gerade in Wohlgefallen auflöst.

Der diensthabende Arzt nahm uns nach einer kurzen und für den Kleinen offensichtlich sehr erheiternden Untersuchung das schlechte Gewissen: „Sie glauben gar nicht, wie viele Eltern hier panisch aufkreuzen, weil ihr Kind zu Hause metallisch gebellt hat. Die Nachtluft auf dem Weg hierher wirkt Wunder. Und Nasenbluten, das kann schon mal vorkommen.“

Äh ja, dann vielen Dank und einen schönen Tag. Ich steckte die Notfallzäpfchen „fürs nächste Mal“ in die Tasche meiner Pyjamahose und drückte dem Mann die Hand.

Auf dem Rückweg nach Hause, der vormalige Kettenhund war sofort nach dem Festschnallen im Kindersitz eingeschlafen, erinnerten wir uns wieder an den Erste-Hilfe-Kurs für Kinder, den wir bei einer erfahrenen Krankenschwester gemacht hatten. Ihrer Beobachtung nach waren es bei Pseudokrupp die von Schlafentzug und Sorgen gebeutelten Eltern, die Medikamente brauchen.

Ihr Resümee: Hunde, die bellen, beißen wenigstens nicht.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben