Esther Kogelboom ringt mit guten Vorsätzen : Vier Generationen, ein Garten

Besuch bei Oma & Opa auf dem Land. Früher Nachmittag, die Sonne scheint, Erdbeeren und Gras sind saftig.

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Esther Kogelboom. Foto: Mike Wolff
Esther Kogelboom.Foto: Mike Wolff

Wo ist die Torstraße mit ihren Siebentonnern? Und die Ringbahn? Hier hört man die Vöglein tschilpen und die Blätter der Rotbuche rascheln. An strategischen Punkten stehen Schüsseln mit Erdbeeren.

Das Kind wundert sich kurz, dann interessiert es sich sehr für den Rasensprenger.

„Damit bewässert man das Gras“, erkläre ich fachmännisch. „Aber natürlich erst, wenn die Sonne weg ist. Sonst werden die Halme braun.“

„Braun“, sagt das Kind und nickt gefügig. Dauergerührt streiche ich ihm über den Blondschopf. Nirgendwo ist es im Sommer schöner als im Garten meiner Eltern.

„Och“, brummt es aus dem Liegestuhl, in dem Opa dämmert, „kannst den Rasensprenger ruhig mal vorführen. Macht doch Spaß.“

Jetzt wundere ich mich. Wäre ich als Kind in der „prallen Sonne“, wie es hieß, durch den künstlichen Regen gesprungen, hätte es anschließend gehagelt. Heiliger Rasen!

Und nun das. Opa döst zufrieden auf den gestreiften Kissen, während ich mit dem juchzenden Kind auf dem Arm durchs Gespritze hüpfe.

Eltern sind überraschend großzügig, sobald sie Großeltern sind. Alle Gesetze, die früher in Stein gemeißelt schienen, werden zugunsten des möglichen Spaßfaktors reformiert. Das neue Universalgesetz lautet: Hauptsache, der Enkel ist glücklich und will auf jeden Fall wiederkommen.

Wer sind diese Neo-Hippies, die plötzlich Seifenblasen in der Küche tolerieren?

Bedeutet das etwa, ich darf nun auch alleine im Baggerloch schwimmen, beim Essen Walkman hören und die Jeans mit den Löchern zur Schule anziehen?

Ach schade, ich bin ja leider für mein Tun schon lange selbst verantwortlich. Blöd, dass mir niemand mehr was untersagen kann. So schön war die Aufregung beim Klamottenwechsel auf dem Schulklo.

Ich nehme mir vor, unserem Kind dringend ein paar Dinge zu verbieten. Bis jetzt habe ich kaum Regeln aufgestellt. Nur im Müll wühlen, im Hochstuhl aufstehen, das Anfertigen von Wandmalereien und das Hochschieben der elterlichen Lider vor sechs Uhr sind aus naheliegenden Gründen verboten.

Ansonsten ist das Kind brav: Es bringt dem Mitsorgeberechtigten morgens und abends die Pantoffeln. Es trocknet Plastikgeschirr ab. Es teilt seinen Brei großzügig mit uns.

Von mir kann es diese Gutmütigkeit nicht haben. Oder? Ich frage meine Mutter.

„Du? Warte mal … kann ich mich gar nicht dran erinnern.“

„Mama, überleg’ mal bitte, ist doch erst 35 Jahre her!“

„Manchmal konntet du nicht schlafen, und ich musste auf dem Teppich vor deinem Gitterbettchen übernachten.“

Ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage und stecke mir eine Erdbeere in den Mund.

Dann betritt Uroma den Garten durch das qietschende Tor.

„Mama“, will meine Mutter wissen. „Wie war ich so als Kleinkind?“

„Du? Warte mal … ist doch schon lange her. Fast 60 Jahre! Da soll ich mich erinnern?“

„Siehste“, sagt Mama und lacht. „Man vergisst so schnell.“

„Nicht alles“, murmelt Uroma und langt ihrerseits in die Erdbeerschüssel. „Du warst so mager, und trotzdem wolltest Du nie Schwartenmagen essen.“

„Lecker“, rufe ich entzückt.

„Ist sicher noch was in der Tiefkühltruhe“, ätzt Oma.

„Mama?“, piepst das Kind.

„Ruhe“, brummt es aus dem Liegestuhl.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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