Esther Kogelboom ringt mit guten Vorsätzen : Wartelistenplatz 216

Elternzeit ist Formularzeit. Allein der Antrag fürs Elterngeld! Trotzdem bin ich dankbar für dieses Transferleistung.

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Esther Kogelboom.
Esther Kogelboom.Foto: Mike Wolff

Ohne das Geld vom Staat hätte gut acht Wochen nach der Niederkunft viele Probleme gehabt.

Nie gehört, dass jemand gesagt hat: „Elterngeld ist super. Jeden Monat ein Tausi frei Haus, hurra!“ Stattdessen wird laut gestöhnt. Die Formulare sind zu kompliziert! Vor allem natürlich: Es gibt nicht genug Kita-Plätze!

Das ist natürlich richtig, aber auch falsch. Wer mit dem Sparpreis-Finder auf bahn.de eine Reise buchen kann, ist auch in der Lage, so ein Formular auszufüllen, und wer inmitten der allgemeinen Kita-Hysterie einigermaßen lässig bleibt, bekommt einen Platz.

Ich bin kurz nach der Geburt losgezogen, um mich auf alle Wartelisten setzen zu lassen, die es in unserem Stadtteil gibt. Das hatte ich mir schon früh vorgenommen. Insgesamt sprach ich bei 13 Einrichtungen vor. Und weil alle das so machen, entstehen diese langen Wartelisten, die neue Panik auslösen. Auch in unserer Familie. Wer würde zur Not zuhause bleiben? Wessen Job ist eigentlich mehr wert?

Ich reagierte auf jeden, der mir zu Geduld riet, mit unkontrollierter Aggression – schließlich ging es um nichts weniger als das Kindeswohl und die Auslöschung der Ergebnisse von 150 Jahren Frauenbewegung, also den Fortbestand meiner finanziellen Selbstständigkeit.

Dass die meisten Kitas, die ich besucht habe, mir sogar gefielen, verursachte zusätzlichen Unmut. Manche hatten Physik-Ecken mit Reagenzgläsern für Verssuche, Kuschelecken, interessante Bilderbücher und große Gärten. Zu essen gab es zum Beispiel bergeweise Rote Grütze mit Vanillesauce, ich hätte mich am liebsten selbst angemeldet.

Zweimal gab es Reinfälle: Eine Kita sah aus, als könne man ohne etwas umzustellen „Das Leben der Anderen“ darin drehen, und bei einer Tagesmutter hingen im Kinderzimmer zwei dieser Mega-Flatscreens an der Wand.

Doch nach dem Rundgang hieß es meist: „Machen Sie sich keine großen Hoffnungen. Ihr Wartelistenplatz hat die Nummer 216. Don’t call me, we call you.“ Wenn man das perslönlich nimmt, kommt man sich natürlich leicht vor wie ein Idiot.

Das Wunder geschah: Mit der Zeit tröpfelten die Zusagen ein, am Ende waren es sieben. Wohlgemerkt, ich hatte weder jemanden mit einem Obstkorb bestochen, noch war ich bei der Vorstellung besonders freundlich gewesen. Im Gegenteil: Ich hatte klar gesagt, dass ich nicht in meiner Freizeit Gruppenräume renovieren würde und als Patissiere überhaupt nichts tauge.

Waren die Zusagen also einfach pures Glück? Kann auch nicht sein: Ich kenne wirklich niemanden, der für einen Kita- oder Tagesmutterplatz gekümpft hat und keinen bekam, als es wirklich darauf ankam.

Ich glaube, Nährboden der Kita-Hysterie ist, dass vielen Eltern irgendwie flau wird bei der Vorstellung, ihr Einjähriges den lieben langen Tag Wildfremden zu überlassen. Verständlicherweise!

Daher kommt es zu einer Art Übersprungshandlung – eine toxische Mischung aus schlechtem Gewissen und Halbwissen, dem Gefühl, generell zu kurz zu kommen, chronischem Schlaf- und sehr wahrscheinlich Geldmangel, unbegrenzter Elternliebe und aufkommender Sommergrippe. Insgesamt nicht eben ein Gute-Laune-Cocktail.

Deshalb, finde ich, sollen Eltern aufhören, untereinander Panik zu schüren und einander argwöhnisch zu beobachten.

Jetzt bitte auf mich mit unkontrollierten Aggressionen reagieren. Das ist ganz normal.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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