Esther Kogelbooms gute Vorsätze : Nackt kuscheln mit einem Trotzkisten

Mit zweieinhalb hat unser Sohn entdeckt, dass ihm etwas Wesentliches fehlt.

von
Esther Kogelboom.
Esther Kogelboom.Foto: Mike Wolff

„Füttert mich!“, forderte er heute früh beim Anblick seines Käsetoasts.

„Du kannst doch selbst essen.“

„Nein. Ich habe keine Arme.“

Wann hat es eigentlich angefangen, dass der Kleine uns an die Wand argumentiert?

Ich glaubte bereits vor sechs Monaten, der Höhepunkt der Trotzphase sei erreicht. Seitdem zündet das Kind in unregelmäßigen Abständen eine neue Stufe.

Dabei beweist es ein ausgezeichnetes Gespür für den richtigen Augenblick. Seine einfache Rechnung: Zeitdruck + Öffentlichkeit + schwer bepackte Mutter + Flüssigkeit (Pfütze, ausgelaufener Apfelsaft…) = maximale Eskalation.

Ich habe gelesen, dass Kleinkinder – ohne den Erwachsenen-Filter aus Vernunft und Erfahrung – von ihren Gefühlen regelrecht übermannt werden. Sie meinen es also nicht böse, die bedauernswürdigen Zwerg-Trotzkisten. Leider hilft mir diese Einsicht in der Praxis recht wenig.

Neulich zum Beispiel.

Der Junge wartet fertig für die Kita hinter der Wohnungstür, ich will los, suche hektisch ein Aufladekabel im anderen Raum. Misstrauisch horche ich auf. Kein Scheppern, kein Rumpeln. Es ist auffällig ruhig im Flur.

Nach etwa drei Minuten finde ich statt des Kabels ein splitternacktes Kind – unter den Decken des Ehebetts.

„Mama, ich will nackt kuscheln. Ziehst du dich auch aus, bitte?“

Ich lache. Ganz schlecht. Lachen verbucht der Zwerg-Trotzkist als vorläufige Zustimmung.

„Nein, ich muss jetzt zur S-Bahn. Und du in die Kita. Zieh’ dich wieder an.“

Wahnsinn, wie schnell sich so ein Gesichtchen bordeauxrot verfärben kann. Tränen kullern. In der nächsten Sekunde treten zwei entfesselte Speckfüße nach mir. Keine Chance, die Socken wieder anzuziehen.

„Nein! Nein! NEIN! Blöde Mama!“

Ich sehe auf die Uhr und schwöre mir wieder, ab sofort früher aufzustehen.

„Wie wäre es, wenn wir angezogen noch ein bisschen kuscheln?“, schlage ich mit der betont ruhigen Mutti-Simme vor, die ich an anderen Frauen hasse. „Zuerst ziehen wir dich wieder an, und dann …“

„Mama“, greint der Kleine jetzt, „hast du denn keinen Kopf? Ich hab’ ,nein’ gesagt! Jetzt ist Schluss!“

Hey, das ist mein Spruch. Halb genervt, halb belustigt stehe ich vor einem strampelnden Bettwäschepaket.

Schnell tippe ich eine SMS: „Komme 10 Minuten später.“ Mein Handy geht aus. Ich müsste es mal wieder aufladen.

Irgendwie schaffe ich es, unser Kind zum zweiten Mal anzuziehen, obwohl es sich windet und schlängelt wie eine Bachforelle am Angelhaken. Danach eine Minute angezogen kuscheln. Soviel Zeit muss sein.

„Heute darfst du mit dem Laufrad zur Kita fahren“, schlage ich vor.

„Nein. Ich will zu Fuß gehen.“

„Na gut. Los geht’s.“

Auf dem Bürgersteig bleibt der Trotzkist vor einer Ameise stehen, um sie zu beobachten.

„Wo geht die denn hin?“

„In die Kita für Ameisen“, höre ich mich sagen. „Guck, wie schnell die krabbelt.“ Ich atme tief ein und aus.

Oft genug werde ich Zeugin, wie unglückliche Eltern ihre protestierenden Kinder morgens hinter sich herschleifen. Ich konnte mir das nie vorstellen. Jetzt schon. Manchmal geht es eben nicht anders. Wenigstens verabschieden wir uns würdig von Kollegin Ameise.

Vor der Kitas ist wenig los, alle scheinen schon drin zu sein. Dann sehe ich das Schild: „Am Brückentag bleiben wir geschlossen.“ Es hängt schon sehr lange dort.

Ich habe keinen Kopf.

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