Wissenshunger : Der Giftzwerg an Bord

Vor einigen Wochen hat der Luxusliner „Explorer of the Seas“ seine Kreuzfahrt in die Karibik unterbrechen müssen.

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Kupferschmidt.
Kupferschmidt.Foto: Mike Wolff

. Der Grund: Hunderte Passagiere hatten sich mit dem Norovirus infiziert. Der winzige Erreger verursacht heftiges Erbrechen und Durchfall. Die „Explorer of the Seas“ soll wie ein Geisterschiff gewirkt haben. Ein Teil der Crew und Passagiere lag weidwund im Zimmer oder auf der Krankenstation, die anderen versteckten sich in ihren Kojen, um sich nicht anzustecken.

Tatsächlich ist der Giftzwerg eine Meisterleistung der Evolution: Nur neun Gene, verpackt in eine Eiweiß-Hülle, genügen ihm, um den menschlichen Magen-Darmtrakt in eine Fabrik umzuprogrammieren, die an beiden Enden neue Noroviren ausspeit. Das dient der eigenen Verbreitung. Denn wie das Robert-Koch-Institut (RKI) in bester Medizinprosa zu berichten weiß, infizieren sich Menschen mit dem Erreger „fäkal-oral oder durch die orale Aufnahme virushaltiger Tröpfchen, die im Rahmen des schwallartigen Erbrechens entstehen“.

Allein in Deutschland kapert das Virus auf diese Art jedes Jahr mindestens 100 000 Menschen. Und das sind nur die im Labor bestätigten Fälle, die das RKI zählt. In Wirklichkeit liegt die Zahl wohl um ein Vielfaches höher. Weltweit gehen Forscher sogar von 267 Millionen Infektionen im Jahr aus.

Zwei Eigenschaften machen das Norovirus so erfolgreich: Der Erreger ist unglaublich infektiös und ungeheuer zäh. Schon zehn Viruspartikel können ausreichen, um einen Menschen anzustecken. Kein Wunder also, dass ein Betroffener häufig zahllose andere ansteckt und es immer wieder zu großen Ausbrüchen kommt, in Schulen und Seniorenheimen, in Krankenhäusern und auf Kreuzfahrtschiffen.

Außerdem hat das Virus keine Fetthülle, sondern einen regelrechten Panzer aus Eiweiß. Der erlaubt es dem Erreger, Alkohol und andere Desinfektionsmittel besser als andere Viren zu überstehen und Tage oder Wochen in der Umwelt zu überleben, zum Beispiel auf Türgriffen, an Wasserhähnen oder im Teppich.

Beispiel gefällig? Am 13. Oktober 2009 übergab sich ein Passagier in der Economy Class einer Boeing 777 und beschmutzte dabei den Teppich. Fast jeder zweite Flugbegleiter, der in den nächsten fünf Tagen in dem Flugzeug arbeitete, erkrankte. Nachdem der Ausbruch erkannt wurde, musste Reinigungspersonal mit Sicherheitskleidung und Dampfdruckreiniger anrücken. Sitzbezüge und Teppich mussten ausgetauscht, die Wasserhähne im ganzen Flugzeug ersetzt werden.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es allerdings: Forscher der Universität von Arizona haben in dieser Woche eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass eine chemische Substanz namens Carvacrol die Eiweißhülle von Noroviren abbauen kann. Das könnte anderen Desinfektionsmitteln den Weg in das Virus ebnen, um es unschädlich zu machen. Die Studie ist nur ein zarter Anfang. Weil Forscher bis heute keine gute Möglichkeit gefunden haben, mit menschlichen Noroviren im Labor zu arbeiten, wurden die Untersuchungen mit Mäuseviren gemacht. Ob der Stoff bei menschlichen Viren dieselbe Wirkung entfaltet, muss sich also noch zeigen.

Carvacrol ist übrigens nichts anderes als der Stoff, der Oregano seinen typischen Geschmack verleiht. Wenigstens eine appetitliche Nachricht.

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