Wissenshunger : Endstation Erdnuss

Erdnüsse sind tückische Dinger. Zum einen sehen sie zwar aus wie Nüsse und schmecken auch so, sie sind in Wirklichkeit aber Hülsenfrüchte.

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Kupferschmidt.
Kupferschmidt.Foto: Mike Wolff

Eine Erdnuss ist also näher verwandt mit einer Erbse als mit einer Walnuss. Zum anderen sind erstaunlich viele Menschen gegen Erdnüsse allergisch – und das kann richtig gefährlich sein.

Winzige Spuren der Frucht reichen aus, dass solche Menschen eine Asthmaattacke erleiden oder ihre Haut rot aufquillt. Im schlimmsten Fall schwellen die Atemwege zu oder der Kreislauf bricht zusammen. Die Allergie ist unberechenbar. Selbst Kinder, die vorher nur einen Hautausschlag bekamen, können plötzlich einen lebensgefährlichen Anfall erleiden – zum Beispiel, wenn sie einen Keks essen, der Spuren von Erdnüssen enthält. Eine Therapie gibt es nicht. Für Betroffene wird deshalb jedes Essen zur Gefahr.

Forscher hoffen, dass sie das Immunsystem der Betroffenen langsam an das Nahrungsmittel gewöhnen können. Endstation: Erdnuss. Doch es gibt nur wenige große Studien. In den 1990er Jahren versuchten einige Forscher, Allergikern den Stoff in winzigen Mengen unter die Haut zu spritzen. Doch die Nebenwirkungen waren heftig, und in einer Studie starb ein Patient, weil ihm versehentlich zu viel des Eiweißes gespritzt wurde. „Darum haben Forscher 10, 20 Jahre lang die Finger davon gelassen und trauen sich erst jetzt wieder dran“, sagt Andrew Clark, ein Allergologe an der Universität Cambridge.

Clark und seine Kollegen haben diese Woche im Fachblatt „Lancet“ die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, die Allergiegeplagten Hoffnung machen dürfte. Sie mischten 49 allergischen Kindern zwischen 7 und 16 Jahren jeden Tag ein wenig Erdnussmehl ins Essen. Am Anfang nur zwei Milligramm, dann steigerten sie die Dosis schrittweise auf 800 Milligramm, was etwa fünf Erdnüssen entspricht. 39 Kinder hielten die Erdnussdiät durch, und nach sechs Monaten konnten 24 von ihnen 1400 Milligramm Erdnussprotein zu sich nehmen, ohne eine allergische Reaktion zu zeigen. In einer Kontrollgruppe mit 46 allergischen Kindern, die sechs Monate Erdnüsse komplett vermieden hatte, konnte das kein Kind.

Viele Kinder kämpften im Laufe der Studie mit Nebenwirkungen. Meist litten sie nach dem Erhöhen der Dosis einige Tage unter Übelkeit oder Erbrechen. Kirsten Beyer, eine Kinderärztin an der Charité, warnt deshalb auch, der Ansatz sei noch nicht bereit für die breite Anwendung bei Patienten. Beyers Arbeitsgruppe hat gerade eine ähnliche Studie abgeschlossen. Die Ergebnisse sollen bald veröffentlicht werden. „Aber wir brauchen dringend noch mehr Studien zu Erdnussallergie“, sagt sie.

Die Kinder in der Studie sind nicht von ihrer Allergie geheilt, sie haben sich lediglich an kleine Mengen Erdnuss gewöhnt. Unklar ist, was passiert, wenn sie aufhören, jeden Tag das Erdnussmehl zu sich zu nehmen oder es einfach einmal vergessen. Viele Forscher befürchten, dass es dann wieder zu einer heftigen Reaktion kommen könnte. Deshalb birgt die Therapie auf lange Sicht womöglich sogar ein höheres Risiko, als auf Erdnüsse strikt zu verzichten. Bei aller Hoffnung auf Fortschritte bleiben Erdnüsse vorerst also vor allem eins: verdammt tückische Dinger.

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