Provokation auf Facebook : Warum Tätowierte kriminell sind

Menschen mit Tattoo sind moralisch verdorbener als "Reinhäuter", behauptet eine Facebook-Seite - und treibt Leser in die Raserei. Was soll das?

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Tätowierer in Berlin.
Tätowierer in Berlin.Foto: dpa

Wenn man mich fragte, was dieses Jahr am stärksten im Internet zugenommen hat, dann müsste ich sagen: der Hass. Es wird geschmäht, unterstellt und gedroht wie nie. Die Angriffe richten sich gegen die vermeintliche „Lügenpresse“ oder schlicht „die da oben“, aber auch gegen Minderheiten. Das ist übel. Und manchmal bizarr.

Welche fanatischen Ausmaße der Hass angenommen hat, lässt sich derzeit auf Facebook beobachten. Dort gibt es die Seite „Tattoofrei – Es ist schön, keine Tattoos zu haben“, auf der täglich gegen Menschen mit Tätowierungen gehetzt wird. Diese, heißt es da, seien überdurchschnittlich häufig kriminell, drogensüchtig und arbeitslos. Viele lernbehindert oder verhaltensgestört.

Sie beklauten Verwandte, um ihre Tintensucht zu finanzieren. Im Grunde seien sie Bürger zweiter Klasse, also weniger wert als „Reinhäuter“, wie tattoolose Menschen auf der Seite genannt werden. Wissenschaftliche Quellen für diese Behauptungen fehlen.

Mit ein bisschen Nachdenken kommt man schnell darauf, dass es sich bei „Tattoofrei – Es ist schön, keine Tattoos zu haben“ um ein Satireprojekt handeln muss. Todernst sind allerdings die hasserfüllten Kommentare, die Facebook-Nutzer dort hinterlassen. „Ihr seid alle so gottverdammt erbärmlich. Ich denke, in Deutschland herrscht das Gesetz zur freien Entfaltung der eigenen Persönlichkeit?“, schreibt einer.

Tätowierte schimpfen und drohen, glauben aber gleichzeitig, sich rechtfertigen zu müssen. Dazu zählen sie eigene berufliche Erfolge und ehrenamtliches Engagement auf. Ein Empörter schreibt: „Was erlaubst du dir, alle Tätowierten als kriminell abzustempeln? Es sind auch nur Menschen wie du und ich. Sie haben die gleichen Organe und das gleiche Herz.“ Solche Beiträge kontert der Betreiber der Seite mit der Behauptung, Tätowierte neigten zu Kannibalismus. 

Er wollte Tätowierte ein bisschen ärgern

Warum lassen sich derart viele Menschen provozieren? Vielleicht weiß es der Gründer von „Tattoofrei“. Er heißt Chris, sein Nachname soll nicht in der Zeitung stehen, aber zu einem Telefoninterview ist er bereit. Chris sagt, er sei Mitte 20, lebe in Berlin und arbeite im Pflegebereich. Die Seite habe er spontan an einem ereignisarmen Sonntag erstellt,  weil er andere ein wenig ärgern wollte.

Mit dem Hass, den er jetzt erntet, habe er nie gerechnet. „Die Leute regen sich direkt auf, ohne sich einen Überblick über den Kontext zu verschaffen.“ So bleibe ihnen die Ironie verborgen, sie bemerkten nicht, wie absurd die Beiträge in der Masse wirkten – und wie unsinnig die Statistiken seien, etwa: „100 Prozent aller tätowierten Fremdgeher betrügen ihre Partner.“ 

Mit dem Lesen der Protestnoten kommt Chris nicht hinterher, inzwischen liegen 12 000 ungeöffnete Nachrichten in seinem Postfach. Morddrohungen habe er, soweit er das überblicken könne, bisher nur von einem Nutzer erhalten.

Die bösesten Kommentare kriegt er sowieso auf Instagram, sagt Chris, dort gebe es „mehr Leute, die es gar nicht kapieren“. Wahrscheinlich sei das Publikum jünger.

Alte, Dicke und Kinder raus?

Dass Chris’ Spaßprojekt falsch verstanden wird, hat vermutlich noch einen anderen Grund. Im Internet existieren zahllose Hass-Seiten, auf denen ähnlich aggressiv und irrational gehetzt wird, die aber tatsächlich ernst gemeint sind. So fällt das Einordnen schwer. Nur wer genau hinschaut, merkt zum Beispiel, dass die Facebook-Seite „Veganer raus aus Deutschland“ ernst gemeint ist, „Alte raus aus Deutschland“ dagegen ironisch. „Dicke raus aus Deutschland“ ist ernst, „Hunde raus aus Deutschland“ ironisch. Als Protest gegen die ironisch gemeinte Plattform „Kinder raus aus Deutschland“ hat sich die Initiative „Gegen die Seite ,Kinder raus aus Deutschland‘ “ gegründet. Auf der streiten Nutzer jetzt darüber, ob sie ernst gemeint ist oder nicht.

Chris, der „Tattoofrei“-Gründer, ist übrigens ganzkörpertätowiert.

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