Jens Mühling lernt Türkisch : „Saç“ heißt „Haar“

Neulich konnte ich endlich ein Rätsel lösen, das mich seit Jahren beschäftigt hat.

von
Jens Mühling
Jens MühlingFoto: Mike Wolff

Der eine oder andere Bewohner des Schöneberger Bülow-Kiezes wird vielleicht wissen, wovon ich spreche. Es gibt da ein kleines Kiosk-Spätkauf-Internet-Multifunktionslädchen an der Ecke Goeben- und Kulmer Straße. Früher habe ich dort oft eingekauft, weil ich im selben Haus wohnte.

Als die türkische Familie, die den Laden betreibt, ihr Geschäft vor ein paar Jahren generalüberholte, tauchte draußen an der Fassade ein grellorangenes Leuchtschild auf. Darauf stand eine rätselhafte Inschrift: „Komsu vorbe“. Die deutschen Nachbarn zerbrachen sich die Köpfe über die Bedeutung des Schilds. Manche witzelten, da sei vermutlich beim Drucken ein „i“ am Ende verlorengegangen, eigentlich habe der Besitzer auf gut Türkischdeutsch sagen wollen: „Komsu vorbei!“

Jedes Mal, wenn ich an dem Schild vorbei lief, nahm ich mir vor, bei meinem nächsten Einkauf nachzufragen, was es mit der Inschrift auf sich hat. Getan habe ich es nie. Als ich ein paar Jahre später nach Kreuzberg umzog, war das Rätsel immer noch ungelöst.

Wahrscheinlich wäre es dabei auch geblieben, wenn ich nicht neulich im Türkischunterricht einen Geistesblitz gehabt hätte. Wir sprachen gerade über die Sonderzeichen des türkischen Alphabets. Vier Stück gibt es davon, abgesehen von den vertrauten Umlauten „ü“ und „ö“, die ja auch im Deutschen vorkommen.

Da ist zunächst das „ğ“, eine Art stummes „g“, das zum Beispiel im Nachnamen des türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan vorkommt – ausgesprochen wird er „Erdo-an“. Dann gibt es das „ı“, ein „i“ ohne i-Punkt, gesprochen ungefähr wie das unbetonte deutsche „e“ in „Hilfe“. Das „ş“ entspricht dem deutschen „sch“, während das „ç“ wie der Laut „tsch“ in „Rutsche“ gesprochen wird – anders als das normale türkische „c“, das wie „dsch“ klingt, man kennt es zum Beispiel aus dem Vornamen des Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir.

Ergün, unser Türkischlehrer, erzählte uns, dass in Berliner Imbissspeisekarten mitunter ein Gericht namens „Saç Kebap“ auftauche, das eigentlich „Sac Kebap“ geschrieben werde, ohne Sonderzeichen. „Sac“ sei ein altes Wort für die Metallpfanne, in der das Fleischgericht zubereitet wird. Weil viele Türken das Wort nicht mehr kennen, schreiben sie instinktiv „saç“ – obwohl das gar keinen Sinn ergebe, meinte Ergün, denn „saç“ bedeutet „Haar“.

Genau in diesem Moment hatte ich mit einem Mal das Kioskschild aus der Goebenstraße vor Augen. Mir fiel plötzlich das türkische Wort für „Nachbar“ ein: „komşu“. Fehlte auf dem Schild vielleicht nur das Häkchen, das ein „s“ zum „ş“ macht? Begeistert griff ich mir ein Stück Kreide und schrieb die Wörter „Komşu vorbe“ an die Tafel. „Ergün!“, rief ich. „Jetzt musst du mir nur noch sagen, was ,vorbe’ bedeutet!“

Bedauernd schüttelte Ergün den Kopf. „Das ist kein türkisches Wort.“

Nun ließ mir das Rätsel erst recht keine Ruhe mehr. Gleich nach dem Unterricht fuhr ich in meinen alten Kiez. Schon von Weitem sah ich das Schild, doch als ich näher kam, blieb ich erschüttert stehen. Mein Gedächtnis hatte mir einen Streich gespielt. Da stand gar nicht „Komsu vorbe“. Sondern: „Kommste vorbe“.

Der Kioskbesitzer erkannte mich sofort wieder. „Lange nicht gesehen!“

Brüsk platzte ich mit meiner Frage heraus: „Das Schild – was heißt das?“

„Das?“ Der Mann sah mich verwundert an. „Na, ist doch klar: Kommste vorbé.“ Er betonte das Wort hinten, auf der zweiten Silbe. „Ist nur so ein Witz. Das sagen die Berliner so. Auf Deutsch: Kommst du vorbei. Auf Berlinerisch: Kommste vorbé.“

Verblüfft sah ich ihn an. Er lächelte. „Du bist nicht von hier, was?“

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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