Jens Mühling lernt Türkisch : „Sonbahar“ heißt „Herbst“

Jetzt, wo sich der Herbst langsam festregnet, stehen in der Kreuzbergstraße auf dem Bürgersteig vor der Kiezbäckerei nur noch zwei Tische.

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Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Mehr passen nicht unter die Markise. Den einen Tisch belegen meist der alte Serbe und der alte Türke, die sich hier zum Backgammon-Spielen treffen. Der Serbe heißt Boban, den Namen des Türken kenne ich nicht, in der Bäckerei nennen ihn alle nur „Opa“. Na ja, alle außer dem Serben, der nennt den Türken „alter Sack“. Die beiden sind gute Freunde.

Es ist inzwischen nicht mehr richtig gemütlich unter der Markise, der Herbstwind treibt seitliche Regenböen über die Tische, die Sitzpolster sind ein bisschen klamm, die Zuckerstreuer haben Ladehemmung. Ich frage mich, wie lange es die beiden alten Männer hier noch aushalten werden, und wo sie sich zum Spielen treffen wollen, sobald es unter der Markise endgültig zu kalt wird. Morgens, wenn ich zum Frühstücken auftauche, schlägt „Opa“ in der Regel gerade vor, eine Runde Backgammon zu spielen. „Na gut, alter Sack“, sagt dann Boban, „aber nur eine Runde.“ Oft sitzen die beiden, wenn ich abends von der Arbeit komme, noch immer vor dem Brett. Im Herbst des Lebens werden die Tage kürzer.

Gestern Morgen, es war ein besonders grauer Tag, wurden Opa, Boban und ich vor der Bäckerei Zeugen eines Gesprächs. Zwei jüngere Türken liefen fluchend durch den Nieselregen.

„So viele Jahre lebe ich nun schon in diesem Land“, sagte der eine melancholisch, „aber an den Winter werde ich mich nie gewöhnen.“

Der andere verdrehte genervt die Augen. „Wovon redest du, Mann? Du hast immer in diesem Land gelebt. Du bist hier geboren, schon vergessen?“

„Ich weiß“, sagte der eine. „Um so schlimmer...“

„Immer dasselbe“, unterbrach ihn der andere. „Im Sommer schreist du: Ich bin hier geboren, nenn mich nicht Türke, du Schwabe! Und kaum werden die Blätter gelb, tust du so, als wärst du am Mittelmeer aufgewachsen.“

Boban kicherte. Opa nicht. Er nickte nur, wie er es meistens tut, wenn er merkt, dass Boban eine Reaktion von ihm erwartet. Man muss wissen, dass Opa ein bisschen schwerhörig ist.

Ich wiederum fand es eigentlich ganz nachvollziehbar, dass Heimatgefühle jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen sind. Meine eigene Integrationsbereitschaft leidet auch immer stark unter der Garstigkeit des Berliner Winters. Spätestens ab Mitte Januar bin ich in der Regel so weit, dass ich für ein paar Sonnenstunden meinen Pass verkaufen würde.

Vor den Fenstern der Neuköllner Sprachschule, in der ich Türkisch lerne, ist es abends jetzt schon dunkel, wenn der Kurs anfängt, und durch die Türritzen des 50er-Jahre- Baus zieht pfeifend der Oktoberwind. Wir beschäftigen uns gerade mit dem Wetter, mein Vokabelheft füllt sich beständig mit schönen neuen Wörtern wie „yaĝmur“ (Regen), „sis“ (Nebel), „bulutlu“ (bewölkt) und „nezle“ (Schnupfen). Unser Sprachlehrer Ergün verwendet diese Wörter auch gerne, um uns einfache Sätze konstruieren zu lassen. „Berlin’de sık sık yaĝmur yaĝıyor.“ In Berlin regnet es oft. „Jens üşüyor.“ Jens friert. Manchmal bilde ich mir ein, dass Ergün einen gewissen Spaß daran hat, uns die klimatischen Unzulänglichkeiten unserer Heimat durchdeklinieren zu lassen.

In der letzten Stunde haben wir die Jahreszeiten gelernt. Interessanterweise haben die Wörter für „Frühling“ und „Herbst“ im Türkischen denselben Stamm: Frühling heißt „ilkbahar“, Herbst heißt „sonbahar“. Wörtlich übersetzt ist der Herbst auf Türkisch der „letzte Frühling“.

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