Kolumne: Jens Mühling lernt Türkisch : „Flört“ heißt „Flirt“

Unser Türkischkurs ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass wir uns ansatzweise über die wirklich wichtigen Themen des Lebens verständigen können: kadinlar ve adamlar – Frauen und Männer.

Jens Mühling
Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

In unserem Lehrbuch war in der letzten Stunde eine Serie von Dialogen zwischen einer italienischen Sprachschülerin namens Loredana und einem Istanbuler Einheimischen namens Süha an der Reihe. Loredana und Süha lernen sich auf der Straße kennen. Danach lernen sie sich im Bus ein bisschen besser kennen. In einer Bar lernen sie sich schließlich ziemlich gut kennen.
Süha: „Gefällt dir diese Bar?“

Loredana: „Ja, sie gefällt mir. Wer ist dieser Sänger? Er singt sehr schön.“

Süha: „Das ist Atilla. Willst du tanzen?“

Loredana: „Ja, natürlich.“

An dieser spannungsgeladenen Stelle bricht die Dialogserie leider ab. Ich habe das gesamte Lehrbuch „Yabanci Dilim Türkce 1“ durchgeblättert, um zu erfahren, wie es mit Loredana und Süha weitergeht, aber leider tauchen die beiden bis zum Ende nicht mehr auf. Was zwischen ihnen geschieht, ist vermutlich so kompliziert, dass es erst in „Yabanci Dilim Türkce 2“ mit ausreichender Genauigkeit geschildert werden kann.

Im Türkischkurs jedenfalls spielte sich nach dieser Lektüre zwischen unserem Sprachlehrer Ergün und zwei deutschen Kursteilnehmern folgender Dialog ab:

Didi: „Ich habe eine kulturelle Frage. Ist es in der Türkei immer so, dass die Frauen von den Männern zum Tanzen aufgefordert werden?“

Ergün (spöttisch): „Ist das nicht überall so?“

Sabine (etwas empört): „Nein – in Deutschland herrscht doch Gleichberechtigung! Bei uns ist es vollkommen normal, dass Männer von Frauen zum Tanzen aufgefordert werden!“

Ergün (zweifelnd): „Ach ja?“

An dieser spannungsgeladenen Stelle brach der Dialog zum Glück ab. Nicht zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass Ergün es ein bisschen leid ist, von deutschen Kursteilnehmern über die fortschrittlichen Geschlechterverhältnisse der westlichen Welt belehrt zu werden. Ich hätte Sabine gerne gesagt, dass das Tanzaufforderungsrecht der deutschen Frau zwar zweifellos fest im Grundgesetz verankert ist, ich jedoch in der Praxis noch nie von einer Deutschen zum Tanzen aufgefordert worden bin, sehr wohl aber von Russinnen, Kolumbianerinnen und Staatsbürgerinnen anderer Länder mit Emanzipationsdefiziten. Zum Glück reicht für derart verminte Themenfelder mein Türkisch noch nicht aus.

In Russland habe ich übrigens vor einigen Jahren mal einen Franzosen getroffen, der in der Schule Deutsch gelernt hatte. Er konnte sich nur noch an ein einziges Wort erinnern: „Uuum-weeelt-verrr-schmuuu-tzuuung!“ Verständnislos schüttelte Jacques den Kopf. „Was ist mit euch Deutschen bloß los? Alle Dialoge in meinem Schulbuch drehten sich nur um Uuum-weeelt-verrr-schmuuu- tzuuung!“

Die Geschichte mit Jacques mag nicht repräsentativ sein, aber zusammenfassend halte ich fest, dass das Thema Umweltverschmutzung in deutschen Lehrbüchern offenbar für wichtiger gehalten wird als das Thema Sex, während es in meinem Türkischlehrbuch genau andersherum ist. Nicht, dass ich Umweltverschmutzung irrelevant fände. Aber ist das wirklich das Deutschlandbild, das wir der Welt vermitteln wollen?

Ich warte jetzt nur auf den Tag, an dem mich in Berlin eine emanzipierte Sprachschülerin ansprechen wird: „Hallo! Diese Bar ist schön! Willst du mit mir über Umweltverschmutzung reden?“

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