Kolumne: Jens Mühling lernt Türkisch : „Hindi“ heißt „Truthahn“

Im Sprachschulunterricht erfuhr ich neulich, dass Truthahn auf Türkisch „hindi“ heißt. Das ist lustig, weil derselbe Vogel auf Englisch „turkey“ heißt. Die Engländer verorten den Truthahn in der Türkei, die Türken in Indien.

Jens Mühling
Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Um der Sache auf den Grund zu gehen, sah ich mir ein paar etymologische Wörterbucheinträge an. Das Ergebnis ist ziemlich komplex.

Auf Latein heißen Truthühner „meleagridinae“. Schon das ist eigentlich eine Fehlbezeichnung, denn der Name geht auf den griechischen Mythos des Meleagros zurück, dessen Schwestern, die Meleagriden, von der Göttin Artemis in Perlhühner verwandelt wurden. Perlhühner kommen aus Afrika, Truthühner hingegen aus Amerika. Als Letztere von spanischen Seefahrern nach Europa gebracht wurden, verwechselte man sie dort allerdings erst mit der afrikanischen Hühnervariante – daher der falsche lateinische Name.

Ähnlich ist es mit der englischen Bezeichnung. Auch die bezog sich ursprünglich auf das Perlhuhn, das von Nordafrika aus die britischen Inseln erreichte – allerdings auf dem Umweg über die Türkei, weshalb sich die Bezeichnung „turkey fowl“ einbürgerte, später verkürzt zu „turkey“.

Die Türken dagegen konnten Perl- und Truthühner auseinanderhalten. Sie wussten auch, dass Letztere weder bei ihnen noch in Afrika beheimatet waren, sondern in jenem „neuen Indien“, das die Spanier westlich des Atlantiks entdeckt hatten (noch so eine Verwechslung). Daher der Name „hindi“, der übrigens dem französischen „dinde“ ähnelt, einer verkürzten Form von „coq d’Inde“.

Das deutsche Wort „Truthahn“ ist dagegen eine lautmalerische Umschreibung der Geräusche, die Truthühner so von sich geben. Allerdings gab es im 16. Jahrhundert auch die Bezeichnung „kalkutisches Huhn“, die verwirrenderweise nichts mit der ostindischen Stadt Kalkutta zu tun hat, sondern mit der Stadt Kozhikode im Westen Indiens, deutsch „Kalikut“. Dort landete 1498 Vasco da Gama, der die Region zur portugiesischen Kolonie machte – und ihren Namen zum Synonym für fremdländische Exotik. Nicht nur hässliche Hühner, auch noch manches andere, was seltsam aussah, dürfte im Deutschen des 16. Jahrhunderts den Beinamen „kalkutisch“ getragen haben.

Wörter nehmen manchmal seltsame Wege. Ich musste bei meiner Truthahnrecherche an eine Geschichte denken, die mir in Riga letztes Jahr ein Amerikaner erzählt hat. Egils, so sein Name, entstammt einer lettischen Familie, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA ausgewandert ist, um der sowjetischen Besatzung zu entkommen. Weil er das Land seiner Vorfahren kennenlernen wollte, lebt Egils nun seit ein paar Jahren in Riga. Die Letten, erzählte er mir, lachen manchmal über das antiquierte Lettisch, das er daheim in den USA von seinen Eltern gelernt hat. Zum Beispiel habe er in einem Rigaer Obstladen mal nach einer „pampelmūze“ gefragt. Das alte deutsche Lehnwort war in seiner Familie noch gebräuchlich, während es in Riga nur ratloses Schulterzucken auslöste. Die Letten hatten sich in der Zwischenzeit nämlich angewöhnt, dasselbe englische Lehnwort zu verwenden wie die Russen: „greipfrūts“.

Ich fand die Geschichte irgendwie anrührend. Während Egils’ Eltern in Amerika den Kalten Krieg aussaßen und versuchten, ihre muttersprachliche „pampelmūze“ durch das unvertraute Wort „grapefruit“ zu ersetzen, trat Selbiges eine kleine Weltreise an. Die Grapefruit rollte westwärts, sie ließ Amerika hinter sich, durchquerte die Sowjetunion und erreichte schließlich Lettland – wo Egils ihr ein paar Jahrzehnte später wiederbegegnete.

Auf Türkisch heißt Grapefruit übrigens „greyfurt“. Keine Ahnung, wo das nun wieder herkommt.

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