Kolumne: Jens Mühling lernt Türkisch : „İstiklal“ heißt „Unabhängigkeit“

Im kurdischen Kiosk an der Yorckstraße erklärte mir neulich ein Verkäufer die Unterschiede zwischen sunnitischen, schiitischen, alevitischen, zoroastrischen und jesidischen Kurden. Kurz zusammengefasst: Es ist kompliziert.

Jens Mühling
Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Unter den Kioskverkäufern gibt es, so viel habe ich verstanden, drei Aleviten und einen Sunniten. Wobei der Sunnite, der ein bisschen älter ist als seine alevitischen Kollegen, nicht viel Wert auf seine Religionszugehörigkeit legt. „Ich bin sunnitischer Galatasaray-Fan“, sagt er. „Meinen Glauben würde ich eher wechseln als meinen Verein.“ Von den Aleviten ist wiederum einer mehr Kommunist als Alevite, ein zweiter hält das Alevitentum für eine oberflächlich islamisierte Naturreligion, er fühlt sich den alten Elementargeistern seiner fernen Vorfahren verbunden.

Klingt unübersichtlich, ist aber noch relativ simpel im Vergleich zur kurdischen Politik, die in meinem Kioskseminar auf das Thema Glaubensbekenntnisse folgte. Wie wir darauf kamen? Na, Schottland natürlich. Es war der Tag des Unabhängigkeitsreferendums, auf allen Zeitungstiteln im Kiosk prangten Karoröcke und Dudelsäcke. Auf meine naive Frage, ob die Kurden gerne den Weg der Schotten gehen würden, bekam ich eine überraschende Antwort: Schottland, erklärte mir der Kioskverkäufer, habe außer England nur das Meer zum Nachbarn. Die Kurden dagegen müssten sich im Falle einer staatlichen Unabhängigkeit mit deutlich ungemütlicheren Nachbarn herumschlagen. Als Teil eines großen Landes wie der Türkei sei das leichter.

Dabei scheint der allgemeine Trend in der Weltpolitik ja gerade eindeutig zum Ziehen neuer Grenzen zu gehen. Nach den Schotten wollen im November als Nächste die Katalanen ein Unabhängigkeitsreferendum abhalten, ihr Slogan lautet „Ara és l’ora“, die Stunde ist gekommen. Die gleichnamige Unabhängigkeitshymne ist relativ jungen Datums, sie verschmilzt ein Gedicht des Katalanen Miquel Martí i Pol mit der Melodie eines Liedes, das sich das kleine südeuropäische Volk der Katalanen beim kleinen nordeuropäischen Volk der Letten geborgt hat. Auch bei denen war das Lied eine Unabhängigkeitshymne, sie heißt „Saule, Pērkons, Daugava“ (Sonne, Donner und Daugava – letzteres ist der Name des größten lettischen Flusses) und wurde zur Zeit der lettischen Loslösung von der Sowjetunion gesungen.

Die Letten sind natürlich gerade heilfroh, dass sie schon unabhängig sind, denn als Nachbar Russlands begreifen sie gut, dass es bei Putins Forderungen nach einer unabhängigeren Ostukraine eher um die Abhängigkeit der Restukraine geht. Putin wiederum ist gut darin, anderswo Unabhängigkeitsbewegungen anzufachen, die er im eigenen Land abwürgt: Als kürzlich ein Nowosibirsker Aktionskünstler zu einem „Marsch für die Föderalisierung Sibiriens“ aufrief, unterband nicht nur die Polizei die Demonstration, auch Medien, die vorab über die geplante Veranstaltung berichteten, wurden staatsanwaltlich zum Schweigen gebracht, wegen Gefährdung der territorialen Integrität Russlands.

Die türkische Nationalhymne heißt übrigens „İstiklal marşı“, Unabhängigkeitsmarsch. Besungen wird in ihr die Durchsetzung einer freien türkischen Republik gegen die Siegermächte des Ersten Weltkriegs, die für viele Minderheitenvölker in der Türkei das Ende ihrer eigenen Unabhängigkeitsträume bedeutete – darunter auch die Kurden, auf deren Autonomieforderungen die türkische Führung bis heute sehr nervös reagiert.

Falls Herr Erdoğan das hier liest: Ich kann bezeugen, dass die Kurden, oder jedenfalls der alevitisch-sunnitische Rat der Kreuzberger Kioskkurden, die territoriale Integrität der Türkei grundsätzlich bejahen.

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