Kolumne: Jens Mühling lernt Türkisch : „Kekelemek“ heißt „Stammeln“

Beim Erlernen von Sprachen gibt es klassische Entwicklungsstufen, die jeder in der einen oder anderen Form durchmacht.

Jens Mühling
Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Da ist zunächst die Anfangseuphorie, die einsetzt, sobald man in der Lage ist, mit einfachsten Floskeln Muttersprachler zum Lächeln zu bringen. Gerne erinnere ich mich an meine ersten türkischen Gesprächsexperimente in den Spätis und Dönerläden meiner Kreuzberger Nachbarschaft – wie schön war es, für ein simples „merhaba“ (hallo) oder „teşekkürler“ (danke) mit anerkennenden Worten bedacht zu werden, auch wenn ich die Antworten nie verstand!

Hinzu kommt, dass den Lernenden in jener ersten glücklichen Phase des Spracherwerbs oft schwindlige Begeisterung angesichts der eigenen Fortschritte erfasst: Mühelos lässt sich der Wortschatz von einer Sprachkursstunde zur nächsten verdoppeln, ersten Wörtern folgen erste Sätze, ein Aha-Erlebnis jagt das andere.

Leider setzt nach nicht allzu langer Zeit eine Phase der Ernüchterung ein. Betreten muss der Lernende erkennen, dass 100 Wörter zwar doppelt so viele sind wie 50, aber immer noch nicht annähernd genug, um auch nur einfachste Gespräche führen zu können. Mit dem Verständnis der Sprachstruktur wächst auch die Einsicht in ihre Komplexität, man beginnt die Länge des Weges zu erahnen, an dessen Anfang man steht, man weiß, dass man nichts weiß oder jedenfalls nicht sehr viel. Hatte ich in meinen ersten Türkisch-Gesprächen noch begeistert gestammelt, so stammelte ich nun zunehmend gehemmt, und ich bildete mir ein, auch bei meinen Gesprächspartnern eine gewisse Ernüchterung festzustellen: Erwartest du, schienen ihre Blicke zu fragen, dass wir dich jetzt jeden Tag für dein Kleinkind-Kauderwelsch loben?

Schwer ist der Weg, der über diese Hürde hinweg zur dritten Phase des Spracherwerbs führt, in die ich bald einzutreten hoffe. Es ist jener schöne Lernabschnitt, in dem die mühsam angesammelten Sprachkenntnisse gerade wegen ihrer offensichtlichen Beschränkungen eine eigene Art von Ausdruckskraft entwickeln, eine Poetik des Mangels sozusagen.

Ich erinnere mich noch an die Gespräche, die ich kurz nach meinem Umzug nach Berlin manchmal im Treppenhaus mit einem älteren Nachbarn führte, einem Türken, dessen Deutsch in der oben beschriebenen Phase stehengeblieben war. Seine Sätze waren wie Axthiebe: plump und schnörkellos, aber sie trafen ins Mark. „Meine Augen werden müde“, sagte er zum Beispiel einmal. „Sie haben viel gesehen. Sie sind schon voll.“ Oder, ein anderes Mal: „Wenn junge Leute schnell machen, sie können alles. Wenn langsam, nichts.“

Ich erinnere mich auch noch an die Anfangszeit jener zwei Jahre, die ich in Moskau damit verbrachte, Russisch zu lernen. Ganz zu Beginn, als ich die Sprache noch kaum beherrschte, lernte ich eine Russin namens Dascha kennen, die mich, obwohl wir uns kaum unterhalten konnten, regelmäßig zu gemeinsamen Autofahrten einlud. Wir saßen dann in ihrem alten BMW und sahen uns durch die gesprungene Windschutzscheibe Russlands Hauptstadt an, begleitet von Gesprächen, die chaotischer waren als der Moskauer Verkehr. Jahre später, als mein Russisch flüssiger geworden war, fragte ich Dascha einmal, warum sie sich damals eigentlich so geduldig mein Gestammel angehört hatte. Unsere Gespräche, antwortete sie, seien tatsächlich nicht immer ganz einfach gewesen. „Aber genau deshalb mochte ich sie. Deine Antworten passten fast nie zu den Fragen, aber sie waren auch nie langweilig.“

Mein neuer türkischer Lieblingssatz lautet: „Her şey iyi olacak.“ Alles wird gut.

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