Kolumne: Jens Mühling lernt Türkisch : „Pespembe“ heißt „rosarot“

In der letzten Türkischstunde vor den Sommerferien haben wir uns mit sogenannten verstärkten Adjektiven beschäftigt. Das sind Eigenschaftswörter, die im Türkischen wie im Deutschen durch intensivierende Zusatzsilben gebildet werden: steinhart, splitternackt, quicklebendig, mutterseelenallein.

Jens Mühling
Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Auf Türkisch: sımsıkı, çırçıplak, capcanlı, yapyalnız.

Der einzige Unterschied ist, dass die Zusatzsilben im Deutschen eine Bedeutung haben, während sie im Türkischen nur eine Art Echo der ersten Wortsilbe sind. Übertrüge man die türkische Methode ins Deutsche, klängen die Adjektive ungefähr so: halhart, napnackt, lerlebendig, alallein.

In unserem Lehrbuch findet sich dazu ein interessanter Übungssatz: „Başbakan dün akşam televizyonda (pembe) bir tablo çizdi.“ Auf Deutsch: „Der Ministerpräsident hat gestern abend im Fernsehen ein (rosa) Bild gezeichnet.“

Die richtige Lösung heißt auf Türkisch „pespembe“ und auf Deutsch „rosarot“.

Unser Lehrbuch „Yabancı Dilim Türkçe 3“ (Türkisch als Fremdsprache 3) ist 2012 in Istanbul erschienen, damals hieß der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan. Heute ist Erdoğan Präsident, aber rosarote Bilder zeichnet er immer noch gerne. Den Krieg, der an den südöstlichen Landesgrenzen geführt wird, verkauft er seinen Bürgern als Verteidigungsschlag gegen den Islamischen Staat. Dass parallel dazu eine grenzüberschreitende Militäroffensive gegen die Kurdenpartei PKK im Gange ist, dass gleichzeitig mit kurdischen Aktivisten in der Türkei aufgeräumt wird, dass Erdoğan die ganze angespannte Lage nutzt, um sich für die nächsten Wahlen in Stellung zu bringen, verschweigt der Präsident lieber. Um es mit einem verstärkten Adjektiv auszudrücken: Erdoğans Verständnis von Demokratie ist nicht ganz „tertemiz“ (lupenrein).

Im kurdischen Kiosk an der Yorckstraße stehen die Verkäufer seit Wochen mit deprimierten Gesichtern hinterm Tresen. Die Melodien des Saz-Spielers, der hier manchmal nachts bei der Arbeit probt, klingen noch melancholischer als sonst. Sein Kollege aus der Frühschicht seufzt nur, wenn ich ihn nach Neuigkeiten aus seiner kurdischen Heimatregion im Südosten der Türkei frage. Die ganze Stimmung im Laden ist nicht „pespembe“, sondern „kapkara“ (rabenschwarz statt rosarot).

Auch unser Türkischlehrer Ergün, der seinen Sommerurlaub wie immer in der Türkei verbringt, wirkte in der letzten Stunde vor den Ferien ein bisschen unglücklich. Besonders, als im Lehrbuch ein weiterer Beispielsatz auftauchte, der sich wie ein Kommentar zur aktuellen Lage liest: „Her Türk asker doğar.“ Auf Deutsch: Jeder Türke ist als Soldat geboren. Wie uns Ergün mit leicht gequältem Gesichtsausdruck erklärte, kennt den Satz jeder männliche Türke, weil die vier Wörter beim obligatorischen Wehrdienst als Marschgesang eingesetzt werden: Links! Zwo! Drei! Vier! Her! Türk! Asker! Doğar!

Da Ergüns Militärdienst eine Weile zurückliegt und unser Lehrer auch schon lange nicht mehr in der Türkei lebt, besteht wohl keine Gefahr, dass er im Sommerurlaub eingezogen wird. Trotzdem wurden wir beim Abschied seltsam melancholisch. Es fühlte sich an, als würden wir uns nun lange Zeit nicht mehr sehen.

Und ein bisschen ist es auch so. Jedenfalls für mich. Wenn im September der nächste Kurs beginnt, werde ich vorerst nicht mehr dabei sein. Ein paar Monate lang werde ich mich mit anderen Weltgegenden, mit anderen Sprachen beschäftigen, bevor ich im kommenden Jahr nach Berlin und in den Türkischkurs zurückkehre.

Ich bin sicher, die Zeit wird „çarçabuk“ vergehen – blitzschnell.

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