Katja Reimann macht sich locker : Ein Lächeln im Halbmond

Vor einer Weile startete ich einen kühnen Versuch. Ich nahm mir vor, statt nur einer Yogastunde pro Woche drei zu besuchen und so, endlich, das Optimum an Ausgeglichenheit zu erreichen.

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Tagesspiegel-Kolumnistin Katja Demirci. Foto: Mike Wolff
Tagesspiegel-Kolumnistin Katja Demirci.Foto: Mike Wolff

Wie wichtig die regelmäßige Praxis ist, erklärt unser Lehrer seit der ersten Stunde. Es leuchtet mir völlig ein. Von nichts kommt nichts. Gilt auch fürs Yoga. Sieht man ja.

Da ist zum Beispiel M., die zeitgleich mit mir begonnen hat. Elegant und geschmeidig wie eine Katze biegt sie sich in die kompliziertesten Positionen. Sie kann Kopfstand. Sie steht mit geschlossenen Augen auf einem Bein. Ich bewundere sie. Ich schaff’s trotzdem nicht.

Es ist keine Frage meiner Disziplin. Ich gehe ja gern ins Studio. Ich gehe sogar, wenn ich mal keine Lust habe, was selten vorkommt. Es ist eher eine Frage der Priorität.

Kürzlich wollte ich an einem Mittwochabend zum Yoga, als am Nachmittag eine Freundin eine SMS schickte. Sie habe spontan Zeit, gemeinsam mit ihrem fast einjährigen Sohn, ob wir uns nicht treffen wollten. Ich schielte auf die Yogasachen in meiner Tasche, dann tippte ich: Klar, ich komme nach der Arbeit vorbei. Wir sehen uns viel zu selten, es war keine Frage, dass ich meine Yogastunde ausfallen lassen würde. Fast fühlte ich mich treulos, dass ich es überhaupt in Erwägung gezogen hatte. Was ist schon eine gelockerte Nackenmuskulatur gegen eine handfeste Freundschaft?

Wir trafen uns zum Essen in einem vietnamesischen Restaurant. Ihr süßer Sohn schrie. Dann weinte er. Er warf die Stäbchen, die wir ihm zur Erheiterung in die Hände drückten, auf den Boden. Er verlor das Interesse an ihrem Hausschlüssel. Am Ende zerbrach er ein großes Glas. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung blies der Wind uns Staub von den Gehwegen in die Augen. Wir brachten ihren Sohn ins Bett, und als er schlief, unterhielten wir uns leise. Es war ein sehr schöner Abend.

Den Mittwoch darauf hastete ich am Abend ins Yogastudio. Ich freute mich, M. dort zu sehen. Es ging ihr glänzend. Gemeinsam streckten wir uns in den Krieger und bogen uns in den Helden. Balance war das Stichwort der Stunde, Konzentration, Leichtigkeit. Ich fühlte mich schwer wie ein Stein. Innerlich schimpfte ich mit mir. Von nichts kommt eben nichts.

Dann aber kam Ardha Chandrasana, der halbe Mond. Eine meiner Lieblingsübungen. Man steht auf einem Bein, sagen wir: dem rechten. Das linke Bein wird parallel zum Boden nach hinten ausgestreckt, die Fingerspitzen der rechten Hand berühren den Boden, der linke Arm zeigt in Richtung Decke, wohin man idealerweise auch schaut. Alles in allem sieht man ein bisschen aus wie ein auf der Seite stehender Hampelmann. Klingt nicht schwer? Ha!

Die wahre Kunst dabei ist nicht das Strecken der Arme und Beine, es ist der Blick nach oben. Gewöhnlich starre ich auf meine Zehen, weil das Balancieren so leichter fällt. An diesem Abend aber wollte ich alles richtig machen, wettmachen, was ich versäumt hatte. Ich streckte das Bein, streckte den Arm, drehte vorsichtig den Kopf in Richtung Decke – und verlor das Gleichgewicht.

Ich schielte rüber zu M., sie war so ein schöner Mond. Schnell heftete ich meinen Blick zurück auf den rechten großen Zeh und klappte mich ordnungsgemäß wieder auf.

Ich nahm mir vor, statt nur einer Yogastunde pro Woche künftig drei zu besuchen. Im Kopf sortierte ich die Termine der nächsten Tage. Unmöglich. Vielleicht die Woche drauf ... Ich schwankte. An mein geneigtes Ohr drang die sanfte Stimme der Mittwochslehrerin. „Wenn’s wackelt“, sagte sie, „schenk dir ein Lächeln.“ Ich grinste schief in Richtung Zeh.

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