Katja Reimann macht sich locker : Salz auf unserer Haut

Mir ist kalt. Den ganzen Winter über geht das schon so, und es bestätigt wieder einmal meine Theorie: Wer erst angefangen hat zu frieren, dem wird in dieser Stadt bis zum Frühling nicht mehr warm. Auch beim Yoga dauert es jetzt länger, bis wir alle aufgewärmt sind.

von
Tagesspiegel-Kolumnistin Katja Demirci.
Tagesspiegel-Kolumnistin Katja Demirci.Foto: Mike Wolff

Als ich mir neulich nach 20 langen Minuten des Warmwerdens hastig zwischen zwei nach unten schauenden Hunden die Socken von den Füßen zog, träumte ich Sekunden davon, yogatechnisch zu überwintern. Die kostengünstige Alternative zu einer Reise nach Bali oder Khao Lak klang fast genauso schön und lag sogar innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings: Bikram – Yoga bei etwa 40 Grad.

Die Wärme des Bikram-Yoga soll gut sein für Knochen und Bänder, soll die Dehnung erleichtern. Der Nebeneffekt: Man schwitzt wie verrückt. Das war es, was ich brauchte.

Im Internet fanden sich gleich etliche Anbieter. Das Studio wählte ich nicht nach Empfehlung, sondern dem Namen nach. Er klingt wie ein indisches Nudelgericht. Ich klickte mich durch die Webseite und fand beachtenswerte Hinweise: zwei bis drei Stunden vor der Klasse nichts Reichhaltiges mehr essen, viel trinken, diverse Handtücher mitbringen und unter keinen Umständen Wasser in einer Glasflasche.

Am Morgen packte ich meine Tasche, als führe ich für ein langes Wochenende in eine Therme – und nicht zum Sport. Meine Klamotten wählte ich nach praktischen Gesichtspunkten, dass ich überhaupt welche dabei hatte, war natürlich ein Anfängerfehler. An der Rezeption begrüßte mich eine junge Frau im knappen Sport-Bikini, ein leichter Schweißfilm ließ ihre Bauchmuskeln glänzen, sie lief barfuß und federnd. Lächelnd schob sie mir einen Zettel über die Theke. Ich unterzeichnete, dass ich auf eigene Verantwortung am Unterricht teilnehmen würde, schloss eine Haftung des Studios für alles Mögliche aus. Schon begann ich zu schwitzen.

Im großen Yoga-Raum legte ich meine Matte ganz nach hinten. Es war sehr warm. Ich beruhigte mich mit der überschaubaren Anzahl der Übungen im Bikram-Yoga – traditionell sind es 26 – und setzte mich. Auf meinen Schienbeinen bildeten sich erste Schweißtröpfchen.

Die Lehrerin betrat den Raum und drehte eine Spezialheizung auf. Es wurde wärmer. Alle stellten sich auf ihre Matten. Über meine Schienbeine liefen mittlerweile dünne Rinnsale. Atmen, tief atmen. Oberkörper nach links biegen und nach rechts.

Die eine Wand des Raumes war verspiegelt. Fies. Der Anblick rief Erinnerungen wach an meine erste Berliner Wohnung, in der die Vormieterin einen großen Spiegel unter der Dusche aufgehängt hatte. Wer wissen möchte, wie dämlich Menschen unter der Dusche aussehen, noch dazu in Hemd und Höschen, kann auch zum Bikram-Yoga gehen. Ich trat einen Schritt zur Seite, und mein roter Kopf verschwand in einer Fuge.

Es war heiß, mein Herz klopfte in meinen Ohren. Ich rettete mich in Tadasana, den Baum. Übung Nummer zehn! Fest auf einem Bein stehen, den anderen Fuß an die Innenseite des Standbein-Oberschenkels, die Handflächen vor dem Herzen zusammen. Ich mag den Baum. Unter normalen Umständen. Mein Bikram-Baum aber war kein erdverwachsener Tiefwurzler, eher ein zartes Mangrovenpflänzchen, das im Rhythmus des Herzschlags schwankte. Ich starrte geradeaus. Die Lehrerin pries ein verbessertes Körpergefühl durch Bikram-Yoga. Ich hatte gar keines mehr. Wie eine Amöbe floss ich über die Matte.

Mit wackligen Knien stand ich nach der Stunde für die Dusche an. Ein rotes, gar gekochtes Hühnchen in einer Reihe roter, gar gekochter Hühnchen. Ich stand dort etwa fünf Minuten, dann war mir kalt.

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