Erinnerungen an die Gegenwart : Aus aktuellem Anlass: Über Schildkröten

Meine Kolumnen schreibe ich eigentlich für Schildkröten.

von
Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: Mike Wolff

Ich meine damit nicht, dass die Tagesspiegel-Leser aussähen wie Schildkröten, nein, nein, (Gazellen, Gazellen!), sondern dass das Tempo, in dem ich schreibe, eher eines für Schildkröten wäre. Vor vier Wochen schrieb ich aus Spanien über Pegida, weil man sich auch in Spanien über diese sächsische Bewegung ernsthafte Gedanken macht, nun wollte ich noch einen Nachtrag schreiben, aber ein Chefredakteur einer anderen Zeitung erklärte mir:

Pegida ist passé, Pegida ist weg, das machen wir nicht mehr!“

„Aber die Leserinnen und Leser haben doch wochenlang nichts anderes gelesen!“, entgegnete ich, „da kann ich doch jetzt noch ein paar Aspekte nachtragen? War doch mal wichtig?“

„Dann müssen Sie die Kurve zu Kopenhagen kriegen, obwohl es für Kopenhagen auch schon zu spät ist“, antwortete er.

„Die Kurve zu Kopenhagen will ich unbedingt vermeiden, mich interessiert einfach nur die Wahrnehmung der Menschen in Sachsen. Ist es für Sachsen wirklich schon zu spät? Ein Leser hat mir nämlich geschrieben, ich solle mal etwas über die Türckische Cammer im Dresdner Residenzschloss schreiben. In der Türckischen Cammer sammelten die Kurfürsten von Sachsen islamische Kunstwerke, stellen Sie sich das mal vor: Im Zuge der Türkenmode tätigten die Sachsen vorwiegend Einkäufe in Istanbul! Ist es denn nun wirklich zu spät für Sachsens Türckische Cammer?“

„Ja, absolut, vielleicht kommt das Thema ja noch mal, Griechenland hat ja auch ein Revival. Oder die Ukraine. Ich muss jetzt Schluss machen, ich schreibe aktuell über Edathy.“

Schildkröten, habe ich nachgelesen, sind zwar sehr langsame Tiere, sie besitzen aber ein viel besseres Sehvermögen als Menschen. Sie können sogar Farben besser differenzieren als Menschen, da ihre Augen verschiedene Farbrezeptoren aufweisen.

Schildkröten können auch besser riechen als Menschen. (Ich schreibe stattdessen jetzt also einfach über Schildkröten). Schildkröten haben kognitive Fähigkeiten, mit denen sie sich mit uns Menschen locker messen lassen können.

Bei uns Menschen nehmen die Fähigkeiten gegen Ende des Lebens eher ab, bei Schildkröten nehmen sie zu. Wir Menschen haben ja offenbar mangelhafte Rezeptoren und begrenzen uns acht Wochen nur auf grellste Pegida, danach auf Je-suis-Charlie, danach wieder auf Griechenland, Euro oder auf Ukraine.

Der Gleichgewichtssinn soll bei Schildkröten auch besser sein, offen gestanden wundert mich das gar nicht. Meist sind Schildkröten stumm. Wir nicht, wir sind das Gegenteil von stumm.

Schildkröten leben auch länger. Weder Naturkatastrophen, Klimawandel, Eiszeit, Pegida, Edathy oder Shades of Grey konnten den Schildkröten etwas anhaben. 1927 lebte auf den Tonga-Inseln eine Schildkröte, die Kapitän James Cook 1774 dem Herrscher von Tonga geschenkt hatte. In einem australischen Zoo lebte bis vor Kurzem eine Schildkröte, die angeblich Charles Darwin 1835 von den Galapagosinseln mitgebracht hatte.

Am liebsten hätte ich noch einmal den Chefredakteur angerufen und gesagt: Sind Sie mit Ihrem aktuellen Text zufrieden? Schildkröten bleiben übrigens stumm, sehen sich aber alles ganz genau an, denn sie besitzen differenziertere Rezeptoren. Man lebt länger mit so einer Gelassenheit. Auf jeden Fall überlebt die Schildkröte Ihren aktuellen Text. Das einzige Thema, mit dem sich die Schildkröte vielleicht in 150 Jahren noch beschäftigen muss, ist der Flughafen in Schönefeld.

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