Erinnerungen an die Gegenwart : Mein ultimativer WM-Tipp

Ich habe noch nie so oft getippt wie in den vergangenen Wochen.

von
Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: Mike Wolff

Ständig habe ich getippt. Bei der WM vor vier Jahren kam mir die Tipperei noch nicht so extrem vor, ich war in drei Tipprunden, jetzt waren es neun. Da ich bei der WM 2010 in allen Tipprunden schlecht abgeschnitten hatte, habe ich nun unterschiedliche Tipps abgegeben. Ich brachte in den ernsteren, also den offizielleren Runden wie der berühmten Tipprunde der Fußball-Akademie zu Nürnberg mein ganzes Expertentum auf und ließ Deutschland im Viertelfinale ausscheiden, Italien sowie Spanien ins Endspiel kommen. Schlechte Vorbereitung, Verletzungen, Formtiefs auf der einen Seite – Erfahrung plus Verjüngung auf der anderen: Alles sprach gegen die Deutschen und wieder für Spanien und Italien.

In der Abschlusstabelle der berühmten Tipprunde der Fußball-Akademie liege ich nun ganz hinten. In lustigen Tipprunden wie jener meiner türkischen Freunde habe ich Costa Rica gegen Italien und England gewinnen und sogar den Iran Punkte sammeln lassen, Spanien flog achtkantig raus; ich dachte, in dieser Tipprunde geht es um nichts, da tippe ich mal so wie jene notorischen Tipper, die alle nur irgendwas tippen, weil man eben mittippt. Lange lag ich in dieser Tipprunde ganz vorne, dann wurde ab dem Achtelfinale wieder neu getippt, und mich packte der Ehrgeiz: Ich setzte weiter auf die Außenseiter, aber ab dem Achtelfinale gewannen die Favoriten, plötzlich! Nachdem sie sich in meiner seriösen Tipprunde nicht durchgesetzt hatten, zumindest nicht so, wie ich es tippte.

Ich liege nun auch in der lustigen Tipprunde ganz hinten, in allen anderen ebenso, denn ich hatte das unseriöse Tippen in der lustigen Tipprunde als Erfolgsrezept entdeckt und ab der Achtelfinalrunde auf alle anderen seriösen Tipprunden ausgeweitet, mit niederschmetternden Auswirkungen. Daran wird auch der Ausgang des Finales nichts mehr ändern.

Nach dem 7:1 der Deutschen gegen Brasilien habe ich einen Expertenfreund angerufen, er hatte vor dem Turnier ebenfalls nicht auf Deutschland getippt, weil man seiner Meinung nach mit einer Viererkette aus vier Innenverteidigern keinen Druck auf den Außenbahnen entwickeln könne.

„Na!“, habe ich zu ihm gesagt. „Je mehr man weiß, umso weniger taugt man zum Tippen!“

„Ich hätte besser getippt“, antwortete er, „wenn ich gewusst hätte, dass sich Jogi Löw umentscheidet und Lahm von der defensiven Sechser-Position wieder nach hinten rechts beordert! Wenn er stur geblieben wäre, wäre es so gekommen, wie ich’s getippt hatte!“

„Wenn, wenn, wenn“, sagte ich. „Vielleicht ist das Interessanteste aus deutscher Sicht, dass wir uns alle in Jogi Löw geirrt haben?“

Jogi Löw war wirklich der beste Tipper dieser WM. Er tippte sowohl auf unpopuläre Standards als auch auf eigentlich verletzte Spieler; er tippte auf einen einzigen uralten Stürmer; er tippte auf vier Innenverteidiger, darunter Höwedes! – eigentlich alles ein Irrsinn. Und er tippt immer noch auf Özil. Und vielleicht will ja dieser Jogi Löw am Ende viel weniger Experte sein als wir? Vielleicht entscheidet dieser Löw mehr als wir Experten mit dem Herzen, aus dem Bauch, aus der Nase, was weiß denn ich?

Wie meine Mutter! Die hat keine Ahnung, sagte aber nach dem Regenspiel in Recife gegen die USA über den Bundestrainer, ich zitiere: „Wer sich mit so tollen Haaren und so schönen Hemden stundenlang in den Regen stellt, der wird Weltmeister!“

„Totaler Quatsch“, habe ich geantwortet, „unlogisch!“, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.

PS: 2:0! Und ich tippe auch auf Özil!

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