Erinnerungen an die Gegenwart : Denk ich an Deutschland im Wahlkampf

Nach langer Zeit war ich wieder für ein paar Tage in Deutschland. Ich saß im Café in Berlin und beobachtete eine Welt in Zeitlupe.

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Wie faszinierend es sein kann, wenn man Menschen in Berlin über die Straßen gehen sieht! Ganz langsam, auch bei Rot, so als gebe es keine Gefahr. Junge, unverwundbare Männer auf Fahrrädern, die Autofahrer in die Schranken weisen. Und an den Café-Tischen auf der Straße überall Menschen mit einer betont individuellen Haltung, die ständig beobachten, ob andere sie beobachten.

In Istanbul habe ich eine Welt gesehen, wo Millionen Teilchen in rasendem Tempo ineinandergriffen, ohne dass sie besonders Notiz voneinander nahmen. Die Männer rannten, die Frauen rannten. Die Frauen waren entweder verhüllt oder innerlich verhüllt, um sich vor den Blicken der Männer zu schützen, die es offenbar längst aufgegeben haben, eine Frau durch einen Augenblick zu erobern. Die Energie der Istanbulmenschen entlud sich auf den Märkten beim Handel; im Irrsinnsverkehr, den kein Prenzlauer oder Kreuzberger Fahrradfahrer überleben würde; beim Tanzen auf der Istiklal in der Nacht oder beim religiösen Gebet. Oder beim Demonstrieren auf dem Taksim-Platz, bei der Flucht vor den Gasangriffen der Polizei.

Fast jede Nacht gab es unter meinem Fenster Aufmärsche: gegen Ministerpräsident Erdogan, gegen Zensur, gegen Polizeigewalt. In der nächsten Nacht zogen Islamisten auf: für Erdogan, gegen Assad in Syrien, für Mursi in Ägypten. Und die nächste Nacht: wieder gegen Erdogan, gegen die Muslimbrüder in Ägypten, gegen die Islamisten in Syrien, die Rebellen, die Dschihadisten, die Al-Nusra-Front, die syrische Kurden abschlachtet.

Und in Berlin, in Deutschland, da ist nun Wahlkampf ...

Ich weiß gar nicht, welches Extrem ich auf Dauer zum Leben wählen würde. Eine Gesellschaft, in der die Fragen über Staat, Religion, Demokratie und Gerechtigkeit so groß, so unausgefochten, aber auch so einnehmend und elementar sind, dass kaum noch Platz für anderes bleibt?

Oder eine Gesellschaft, in der fast alles auserzählt zu sein scheint, die Attitüden immer größer werden und in der keiner so recht weiß, worum eigentlich noch wirklich gekämpft werden soll, selbst wenn Wahlkampf ist?

Ich lese in der Zeitung immer weniger über die NSA-Affäre, dafür über die Pkw-Maut als Wahlkampfthema, über vegetarische Kantinentage, über Mietpreise und dass in Berlin keine Hänge-WCs mehr in Wohnungen eingebaut werden sollen, weil das als Luxussanierung gilt. Und es gibt die Steuerdebatte: erhöhen, senken, ein bisschen, in der Mitte runter, in der Spitze rauf, beides, doch nicht, vielleicht, nur unten runter … Und wenn man bei Google „Wahlkampf“ eingibt, dann kommt schon als drittes Suchergebnis „Wahlkampfkostenerstattung“.

Vielleicht ist also die Krise eines Kanzlerkandidaten, der nicht weiß, womit er angreifen soll, eher etwas Symptomatisches, Zeichenhaftes, Deutsches – eben ein Suchergebnis.

Auf dem Alexanderplatz sah ich zwischen Wahlkampfplakaten und belegten Gratis-Brötchen der SPD eine kleine Gruppe, die für ein freies Syrien demonstrierte und die dabei von deutschen Wählerinnen und Wählern beobachtet wurde. Sie standen da, sahen auf die syrischen Demonstranten und stopften die Brötchen in sich hinein.

Dann landete plötzlich ein Hubschrauber mitten auf dem Platz.

Die Deutschen drehten nur ihre Köpfe und starrten nun kauend auf diese Werbemaßnahme des ADAC, während die syrischen Demonstranten vom Hubschrauber fast weggeweht wurden.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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