Erinnerungen an die Gegenwart : Ein Tor auf dem Mond

Moritz Rinke
Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: Mike Wolff

Als der Ball wieder in der Bundesliga zu rollen begann und ich Mario Götzes Auswechslung gegen den VfL Wolfsburg sah, musste ich erst an Andy Brehme und irgendwann an Rainer Maria Rilke denken. In allen Vorberichten zum WM-Finale war Brehme zu sehen, sein Elfmetertor, damals im Endspiel 1990 in Rom gegen Argentinien. Völler fiel, Brehme verwandelte, Maradona weinte.

Jetzt saß Brehme vor den Kameras und sah aus wie Sepp Bierbichler als Metzger in der Verfilmung von „Der Knochenmann“, ich war erschrocken, ich hatte ja noch die Bilder von 1990 im Kopf.

Ich erinnerte mich an Bilder von Gerd Müller, die 1990 in den Medien kursierten, gleich nach dem WM-Sieg in Rom und Brehmes Tor. Uli Hoeneß überzeugte Müller, dass er alkoholkrank sei, und überredete ihn zu einer Entziehungskur, 16 Jahre zuvor hatte Müller noch mit einem unvergleichlichen Schuss aus der Drehung zum 2:1 im Finale gegen die Niederlande getroffen, ich war damals sechs und habe es gesehen, herrliches Tor. Danach übte ich ebenfalls auf dem Bolzplatz Schüsse aus der Drehung.

An Müller denkend (und auch an Hoeneß, der jetzt im Gefängnis sitzt) fiel mir Helmut Rahn ein, der Letzte oder Erste im Bunde der entscheidenden deutschen Finaltorschützen, Bern 1954. Ich war zwar noch längst nicht geboren, kannte aber natürlich Rahns Tor und jenen Kommentar des Reporters Herbert Zimmermann: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor!“ Als Kind kommentierte ich meine eigenen Strafraumszenen und Müllerschüsse aus der Drehung immer mit Zimmermanns Sätzen.

Neulich erzählte mir Rudi Gutendorf, die Trainerlegende, dass er Rahn 1960 aus der „Friesenstube“ in Essen holte, wo er zum Trinker geworden war. Gutendorf schenkte dem Helden ein Pferd, weil Rahn Pferde liebte, und holte ihn zu RotWeiß Essen.

Vor einigen Jahren hatte ich eine Premiere in Los Angeles, danach wurde mir ein Mitglied des Fördervereins des Theaters, in dem mein Stück aufgeführt wurde, vorgestellt. Der Mann hieß Edwin „Buzz“ Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond nach Neil Armstrong. Mondlandung, 20. Juli 1969! Ich starrte Aldrin an. Wie oft hatte ich als Kind den Mond angestarrt! Mir vorgestellt, wie es da aussah. Und wie ein Mensch dort hingelangen konnte! Irgendwann fragte ich dann, was ich fragen musste: „Mr. Aldrin, how was it on the moon?“ Mr. Aldrin drehte sich sofort um und ging weg.

Kürzlich las ich ein schlecht gelauntes Interview mit Jürgen Sparwasser unter der Überschrift „Der Fluch des Tores“. Sparwasser hatte in der Begegnung Deutschland–DDR bei der WM 1974 den Siegtreffer für die DDR erzielt, es war das einzige Spiel, das es jemals zwischen den beiden deutschen Staaten gegeben hatte, also fast wie ein Tor auf dem Mond. Sparwasser wurde zum Helden, 14 Jahre nach dem Tor flüchtete er aus der DDR.

Ein Held zu sein in einem Land, aus dem man geflüchtet ist; Rahn und Müller mit ihren Jahrhunderttoren in der Essener „Friesenstube“ und während des Alkoholentzugs; dazu Brehme in den Vorberichten. Es hätte mich nicht gewundert, wenn Brehme plötzlich Rilke zitiert hätte, Duineser Elegien: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang“, grob verkürzt: Marilyn Monroe wusste es, Marlene Dietrich wusste es, Müller und Brehme oder Boris Becker wissen es vielleicht auch – die schönen alten Bilder sind am Ende schrecklich und die alten großen Tore sind es auch, so schön sie auch waren.

Und eben genau daran musste ich bei Götzes Auswechslung gegen Wolfsburg denken.

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