Erinnerungen an die Gegenwart : Hagen von Tronje oder Willy Lemke

Moritz Rinke
Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: Mike Wolff

Menschen wechseln ihre Liebespartner, ihre Ehefrauen und Ehemänner, sie wechseln ihre Wohnorte, ihre Berufe, ihre Religion, die Partei, die sie wählen, sie wechseln auch ihre Staatsbürgerschaften, sogar ihr Geschlecht, aber sie wechseln niemals den Verein.

Es gibt einen schönen Satz von Nick Hornby, einen der vielleicht schönsten über Liebe und Treue, er steht in „Fever Pitch – Ballfieber. Geschichte eines Fans“: „Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.“

In den letzten Wochen musste ich oft an diesen Satz denken. Es mag lächerlich klingen: Wie kann einen so etwas zerreißen, ist doch nur ein Spiel, wo es ganz andere Sorgen gibt? Stimmt, hilft aber nichts, wenn ich an Werder Bremen denke.

Mein erstes Spiel im Weserstadion: 21. August 1982. Saisonauftakt gegen Bayern München! In der 43. Minute sah ich von der Ostkurve aus, wie Uwe Reinders das legendäre Einwurftor erzielte. Er warf den Ball von der Außenlinie bis ins Bayerntor! Wir sprachen den ganzen Sommer über dieses Einwurftor.

November 1987: Flutlicht, Uefa- Pokal, Rückspiel gegen Spartak Moskau. Dichter, kalter Nebel lag über dem Rasen. Ich hatte über mein Karl-Heinz-Riedle-Trikot noch das alte Manfred-Burgsmüller-Trikot und das noch ältere Rudi-Völler-Trikot gezogen. Das Hinspiel hatte Werder 1:4 verloren. Dann das: 4:1 für Werder nach 90 Minuten! Verlängerung, 100. Spielminute: Riedle mit dem Kopf, 5:1! Ich weiß noch, dass ich mir alle anderen Trikots wieder vom Leibe riss, um nur im Karl-Heinz-Riedle-Trikot zu jubeln. Und dann kam sogar noch Burgsmüller mit einem Drehschuss: 6:1! Es ist zwar fast ein Vierteljahrhundert her, aber ich sehe immer noch vor mir, wie ich mir im Wesernebel das Manfred-Burgsmüller-Trikot über das Karl-Heinz-Riedle-Trikot zog.

Der Nikolausabend 1989: Uefa- Pokal, Rückspiel gegen den SSC Neapel, den Titelverteidiger, damals eine der besten Mannschaften der Welt. Für Neapel spielte im Weserstadion Diego Maradona, also GOTT; auf Bremer Seite hießen die Spieler Jonny Otten oder Dieter Eilts. Endergebnis: 5:1 für Werder! GOTT saß an der Mittellinie und weinte. Die Eintrittskarte von diesem irren Nikolausabend habe ich immer noch.

Was für Eintrittskarten werde ich in der nächsten Saison aufbewahren können? Tickets gegen Aue? Aalen? Sandhausen? Natürlich, es gab immer Höhen und Tiefen, wie zum Beispiel diesen tragischen Moment im April 1986. Handelfmeter für Werder in der letzten Minute gegen Bayern München: Wenn Kutzop trifft, ist Werder Bremen Meister. Kutzop traf aber nicht, Bayern wurde Meister.

Aber das waren Leiden, auf die große Jahre folgten: Meisterschaften! Pokalsieger, Europacupsieger. Spieler wie Klose, Frings, Mertesacker, Özil, Pizarro – und natürlich Thomas Schaaf als Trainer. Und jetzt?

Oft habe ich in den letzten zwei Jahren gedacht, ich müsste den Verein wechseln, aber es gibt diese Stelle aus dem „Nibelungenlied“, in der die Burgunderkönige aufgefordert werden, Hagen von Tronje (oder Willy Lemke!) an Kriemhild auszuliefern: „Das wolle Gott verhüten“, erwidert ihr einer der Könige. „Und wären unser tausend aus deiner Sippe hier/ Wir wollten lieber sterben, als dass wir einen Mann/ hier als Geisel gäben: das stünde uns wohl übel an./ Man findet an mir keinen, der einem Freund die Treue bricht.“

Werder Bremen ist Tabellenletzter, aber Nick Hornby und die „Nibelungen“ haben recht: Die Liebe lebt weiter.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Katja Reimann und Jens Mühling.

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