Erinnerungen an die Gegenwart : Hund beißt Beuys

Im Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof stand ich vor einem Joseph Beuys.

Moritz Rinke
Illustration: Lena Petersen
Illustration: Lena Petersen

Acht Basaltblöcke in einer monumentalen Raumskulptur. Das Kunstwerk sieht aus wie ein Gräber- und Ruinenfeld, und ich überlegte, ob in die Blöcke irgendetwas eingearbeitet wurde, germanische Krieger oder uralte Sippen.

Ein paar Räume weiter im Restaurant „Sarah Wiener“ feierte Bundeskanzler Gerhard Schröder den Vorabend seines 70. Geburtstages. Ich sah Joschka Fischer und Otto Schily. Ich stellte mir vor, es läge das alte Kabinett hier in den Basaltblöcken: Walter Riester, Franz Müntefering, Rudolf Scharping usw., eine archaische Vorstellung. Plötzlich standen zwei Männer im Raum; der eine im eleganten Anzug, sehr aufgeregt. Er gestikulierte, zeigte auf ein Loch in einem der Blöcke und sagte: „Da hat einer Ihrer Hunde hineingebissen!“

„Sind Sie sich sicher?“, fragte der andere Mann.

„Ich habe doch Ihren Hund gesehen, der hatte noch den Filz und Ton, den Beuys an der Schnauze! Das ist mir in meiner ganzen Direktorenlaufbahn noch nicht vorgekommen!“

Der aufgeregte Herr war also der Direktor des Museums, und ein Hund hatte in das Kunstwerk von Joseph Beuys gebissen.

„Wir sind verpflichtet, für die Sicherheit zu sorgen, und dazu gehören auch die Spürhunde“, rechtfertigte sich der Mann, der vom Landes- oder Bundeskriminalamt sein musste.

Die Männer verließen den Raum, ich beugte mich über eine kegelförmige Bohrung, in die der Hund gebissen hatte. Jeder der Blöcke hat so eine kegelförmige Bohrung, die aussieht wie ein Auge und damit der Basaltblock wie ein einäugiges Urwesen.

Vielleicht hatte der Hund einen Schreck bekommen? Oder eine Spur entdeckt? Beuys hatte die Kegel mit Filz ummantelt, mit Ton ausgekleidet. Möglicherweise hatte der Hund etwas Verdächtiges gerochen? Beuys hat ja auch schon mal mit Fett gearbeitet, wer weiß, mit was sonst noch …

Die Feierlichkeiten für den Ex-Kanzler hatten längst begonnen, ich hörte Sigmar Gabriels Rede aus der Ferne und berührte vorsichtig den herausgerissenen Filz, er war noch feucht vom Speichel des Spürhundes. Interessant, wie sich hier Leben, Kunst und Sicherheitspolitik verbanden. Auf jeden Fall lautete die Frage, dachte ich: Für was steht dieser Biss in die Kunst?

Mir fiel Putin ein. Ich hatte ohnehin Angst, zur Feier hinüberzugehen und vielleicht auf Putin zu treffen. Putin beißt auch die Kunst (Pussy Riot!), mit so einem Mann kann man nicht feiern. Ah!, dachte ich: Putin und die Krim, die Spaltung Europas, acht Basaltblöcke, jetzt nur noch sieben!, also erst G 8, jetzt G 7, der Hund denkt mit, im Übrigen sind mir solche Sicherheitshunde auch lieber als die NSA, bei der man ja erst nach Jahren merkt, dass sie zugebissen hat.

Oder stand der Biss für das lustvolle Verhältnis von Politik und Kunst in der Ära Schröder, immerhin war es ein Diensthund? Oder stand der Biss für die gefährliche Vereinnahmung des Künstlers durch die Politik? Gar für die Verfilzung?

Mittlerweile waren die Männer zurückgekommen, nun waren es drei. „Kann man das denn nicht wieder instand setzen?“, fragte einer der Sicherheitsbediensteten.

„Instand setzen??“, wiederholte der Museumsdirektor.

„Reparieren!“

„Das ist ein echter Joseph Beuys, kein Kotflügel! Den repariert man doch nicht so einfach!“

Ich schaute die drei Männer an und mir schien, als wären es plötzlich Schröder, Fischer und Schily. Fischer hatte noch den Filz im Mund und wedelte mit dem Schwanz; Schily hielt ihn streng an der Leine. Und Schröder, der lupenreine Kunstliebhaber, umarmte tröstend den betroffenen, achten Basaltblock.

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