Erinnerungen an die Gegenwart : Ich, 20 Jahre

Ich habe Sie in einer Kolumne nie direkt angesprochen! Eigentlich mag ich das nicht.

von
Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: Mike Wolff

Ich habe das Gefühl, dass ich Sie beim Lesen störe, wenn ich Sie direkt anspreche. Es ist Sonntagmorgen. Vielleicht sind Sie noch im Pyjama oder im Morgenmantel? Vielleicht lesen Sie im Bett? Auch habe ich gehört, dass manche Leser den Tagesspiegel nackt lesen. Mir hat einmal eine Leserin bei einer Lesung gesagt: „Lieber Herr Rinke, Ihre Texte aus dem Tagesspiegel lese ich alle nackt, Sie müssen das als Kompliment verstehen!“

Solche Komplimente habe ich nicht immer bekommen. Eher stellte ich mir vor, dass Tagesspiegel-Leser angezogen lesen, frühmorgens, aber schon mit Korrekturstift in der Hand, denn die Tagesspiegel-Leser gehören für mich zu den diszipliniertesten und gebildetsten Zeitungslesern in Deutschland, das weiß ich, denn am heutigen Tag, liebe Leserin, lieber Leser, feiere ich 20 Jahre Tagesspiegel, so lange schreibe ich schon für Sie. Sind Sie überrascht? Ich ja!

Ich weiß noch, wie ich am 4. August 1994 vor dem Tagesspiegel-Gebäude in der Potsdamer Straße stand. So eine dicht befahrene Straße hatte ich noch nie gesehen, ich kam aus Worpswede und der winzigen Studentenstadt Gießen, da gab es nur Wege, und nun befand ich mich auf der falschen Seite dieser irrsinnigen Potsdamer Straße und wusste nicht, wie ich jemals zum Tagespiegel herüberkommen sollte.

Ich hatte mir für mein Volontariat viel vorgenommen und im Studium all die literarischen Journalisten studiert: Egon Erwin Kisch, Heinrich Heine, Büchner, Kleist, auch Tschechow hatte Tolles für Zeitungen geschrieben. Ich hatte sogar, als ich auf der Potsdamer stand, Bücher dieser Autoren im Rucksack und kein geringeres Ziel, als Nachfolger all dieser Männer zu werden, wenn ich denn jemals über die Straße kommen würde.

Als ich dann bald in der Lokal-Redaktion beauftragt wurde, bei der Polizei anzurufen, um die sogenannten „Polizei-Nachrichten“ abzufragen, geschah das Unglück. Die Rubrik „Polizei-Nachrichten“ bestand aus Delikten oder Unfällen. Jemand hatte irgendwo in Wilmersdorf eine Rentnerin ausgeraubt oder in Kreuzberg in ein Kaufhaus eingebrochen oder es gab einen Auffahrunfall im Wedding.

Ich hörte mir das alles an, notierte und schrieb dann meine Polizei-Nachrichten, immerhin sollte es meine erste Arbeit für die Zeitung werden und es galt, mit Kleist und Tschechow auf die Menschen hinter dem Delikt zu schauen, die Sache politisch im Sinne von Büchner einzuordnen und dabei auch noch Heines Humor zu beweisen – mit einem bisschen Sound von Kisch.

An diesem Tag sank die Estonia vor der finnischen Insel Üto und die gesamte Tagesspiegel-Redaktion war nur noch mit der größten Katastrophe in der Schifffahrt der Nachkriegsgeschichte beschäftigt. Und so fanden meine Polizei-Nachrichten unredigiert den Weg in die gedruckte Zeitung. Und was passierte? Am nächsten Tag rief nicht nur die Polizei an, um die Nachrichten zu korrigieren, sondern sogar der Täter des Kaufhaus-Einbruchs meldete sich, um sich für das Verständnis zu bedanken, er habe dabei auch an Ulrike Meinhof und den Sozialismus gedacht.

Das Grundthema meines ersten Tagesspiegel-Artikels hat mich dann 20 Jahre lang beschäftigt: Ist die Erfindung immer besser oder gar leserfreundlicher als die Wirklichkeit? Max Frisch sagte: „Die Wahrheit kann man nicht beschreiben, nur erfinden.“

Ja, so gesehen konnte ich wohl nie ein richtiger Journalist werden. Und manchmal träume ich, dass ich mit meinem roten Hemd, das ich damals trug, noch immer auf der Potsdamer stehe und mich nicht traue, die Straße zu überqueren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben