Erinnerungen an die Gegenwart : Meine Ethnologie der Erregungen

von
Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: Mike Wolff

Auf der Buchmesse in Leipzig habe ich die „Erinnerungen an die Gegenwart“ vorgestellt. Es ist ein Buch über unsere verrückte Zeit, es beschreibt die letzten sechs Jahre, aber ein Kritiker schaute mich an, als hätte ich ein Buch über den Hundertjährigen Krieg vorgelegt.

„Sie schreiben über Theodor zu Guttenberg, Bundespräsident Wulff oder diesen ollen Klaus Zumwinkel, die gibt es doch alle schon längst nicht mehr!“, erklärte er.

„Vor kurzem gab es sie aber noch, und wie!“, entgegnete ich. „Außerdem stehen diese Namen für eine Entwicklung, eine Tendenz, die vielleicht gerade bei Hoeneß angekommen ist.“

„Hoeneß!!“, schrie er mich an. „Über Hoeneß hätten Sie schreiben müssen, das stellt alles in den Schatten! Bei Hoeneß würde ich gerne höchstpersönlich die Kerkertür zuschließen!“

„Aber Sie haben sich doch bestimmt auch so über Georg Funke aufgeregt wie über Hoeneß?“

„Wer?? Funke? Kenne ich nicht!“

Ich glaube, die Menschen wissen von ihren heutigen Erregungen wirklich weniger als vom Hundertjährigen Krieg.

Ich antwortete: „Also, Funke kommt auch in dem Buch vor, Hypo-Real-Estate, erinnern Sie sich? Funke bekam damals 12 Millionen Boni, und die Steuerzahler, zu denen Sie ja bestimmt auch gehören, mussten seine Bank mit Milliardensummen retten, weil sonst angeblich das globale System zusammengebrochen wäre. Funke lebt heute als Immobilienmakler auf Mallorca.“

„Wissen Sie was?“, entgegnete der Kritiker. „Warum schreiben Sie nicht statt über Funke über diesen Wiener Burgtheaterdirektor, Sie sind doch vom Theater, das Burgtheater ist doch auch gerade ein Fall wie Hypo Real Estate oder Hoeneß!“

Ein anderer Leser erklärte mir, mein Buch sei ein Beispiel für die von Hermann Lübbe beschriebene „Gegenwartsschrumpfung“. Rasante Veralterung der Gegenwart bedeute Gegenwartsverkürzung: Vergangenheit verdämmere, Gegenwart schrumpfe – ein interessanter Gedanke, „Bewusstseinsbulimie“ nenne ich das.

In Leipzig regten sich alle noch über die schreckliche Rede von Lewitscharoff auf, aber sie verdämmerte schon. Auch die jüngste Literaturdebatte, die nie eine war, dämmerte. Eigentlich bewies diese nur, dass sich die Debattierenden viel Zeit für schnelle Trends und Erregungen nehmen, weniger für unterschiedliche Literaturen und einzelne Bücher. Ja, im Prinzip leben wir nicht nur in einer Gegenwartsschrumpfung, sondern auch in einer Literaturschrumpfung.

„Das mit der Asche ist doch auch lang her!“, erklärte mir der Kritiker.

„Sie meinen den Vulkanausbruch Eyjafjallajökull!“, ergänzte ich.

„Ja, ja … Und Ihr Gerede vom Dioxin in den Eiern ist auch alt! Genauso wie der Kachelmann-Skandal oder der NSA-Skandal!“

„Sie meinen den NSU-Skandal, NSU war vor NSA, das U nach NS ist bei Ihnen Opfer der Gegenwartsschrumpfung, nun sehen Sie es! Und das Dioxin ist bestimmt immer noch in Ihren Eiern!“

Ich halte mich für so eine Art Ethnologen der Erregungen, aber ich habe nach diesem Gespräch größte Zweifel über den Nutzen meines Buches. Derrida schrieb über die Büchnerpreis-Rede Paul Celans bzw. dessen Datierungen in den lyrischen Texten, dass die „Chiffre der Einzigartigkeit“ damit verloren gehe und diese „kulturelle Mnemotechnik“ (also Erinnerungstechnik) dazu führe, dass Celan nicht mehr gelesen werde. Mein Eindruck vom Kritiker war, dass er nicht mehr erinnert werden will.

Er will kurze Weile oder Ewigkeit. Und wenn sich die Gefängnistür hinter Hoeneß geschlossen hat, wird er in dreieinhalb Jahren schon nicht mehr wissen, warum.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben