Erinnerungen an die Gegenwart : Pérdida de tiempo!

In den letzten Wochen reise ich zwischen der Türkei und Spanien und lese viel über Sachsen in der Zeitung. Ein Spanier auf Lanzarote hat mich gefragt: „Que pasa Pegida aleman? Pegida? Pegida!?“

Moritz Rinke
Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: Mike Wolff

Er wiederholte das Wort mehrfach und sagte, er habe zuerst gedacht, es handele sich in Deutschland um eine „Pérdida“, eine „Pérdida de la memoria“, einen Gedächtnisschwund. Oder um eine „Pérdida de conocimiento“, eine Bewusstlosigkeit.

Ich antwortete, dass ich seine spanischen Bezeichnungen für die deutsche Pegida im Grunde genommen sehr passend finde, weil man ja eigentlich schon bewusstlos sein muss, um Sachsen oder Deutschland für islamisiert zu halten.

„Sachsen hat 0,2 Prozent Muslime, hält sich aber für orientalisch“, fügte ich hinzu. „Vielleicht stimmt da wirklich irgendwas nicht mit dem Kopf?“ (Pérdida de la memoria)

Der Spanier lachte. „0,2 Prozent!“, wiederholte er und zeigte auf die kanarische Promenade. „In unserem Ort leben 50 Prozent Deutsche!“

„Ist das schlimm?“, fragte ich. „So eine Germanisierung?“

„No, no“, antworte er und klopfte mir auf die Schulter, „du bist ja auch einer, ihr seid alle Flüchtlinge des Wetters!“

Mir fiel eine Szene ein, genau auf dieser Promenade, es ist schon etwas her. Eine Frau aus Deutschland, die in einem Restaurant beim Kellner selbstverständlich auf Deutsch ihr Gericht bestellte, hatte vom Unglück ertrunkener Flüchtlinge auf Lanzarote gehört und sagte zu ihren Tischpartnern: „Selbst schuld. Wenn man nicht schwimmen kann, steigt man nicht in ein schlechtes Boot.“

Am Cocoteros-Strand, in der Nähe des Ortes Teguise, hatten einen Tag zuvor Rettungskräfte 21 Leichen aus dem Meer gezogen. Das Boot der Flüchtlinge war 20 Meter vor dem Ziel gekentert.

Das Gesicht der Frau im Restaurant auf der Promenade, die das Schicksal der Flüchtlinge so kommentiert hatte und ohne jede Kenntnis, warum diese Menschen in ein schlechtes Boot gestiegen waren, obwohl sie nicht schwimmen konnten – dieses Gesicht stelle ich mir vor, wenn ich über Pegida lese.

Ich sehe dieses Pegidagesicht immer noch vor mir, wie es auf den eigenen Teller starrt und ohne einen blassen Schimmer seine Ansichten kundtut. Vielleicht war es sogar Tage zuvor mit dem TUI-Flieger genau über diese Flüchtlinge in ihrem schlechten Boot hinweggeflogen.

Warum flüchten Menschen?, hätte ich das Pegidagesicht heute fragen wollen. Warum verlässt jemand seine Familie und läuft Tausende Kilometer durch die Wüste? Wie zum Beispiel der muslimische Flüchtling Khaled B. aus Eritrea, der in Dresden in der Plattenbausiedlung im Stadtteil Leubnitz-Neuostra landete und am 13. Januar ermordet aufgefunden wurde? Warum erträgt jemand die Sahara, die Schlepper, die Bürgerkriege in den Ländern, die er hinter sich lassen muss, um am Ende auf ein brüchiges Boot zu steigen, um, wie im Fall von Khaled B., über Italien nach Dresden Leubnitz-Neuostra zu gelangen?

FLÜCHTLINGSKUNDE – man müsste die Menschen in Dresden oder Leipzig an die Hand nehmen oder ihnen zwangsweise einen „Flüchtlingsunterricht“ auferlegen: Syrien, Afghanistan, Irak, Myanmar, Somalia, Sudan, Kongo, Eritrea ... Und viele aus Politik und Medien müssten auch zur Flüchtlingskunde. Vielleicht würde es helfen, zu verstehen, warum wir nun genug über die deutsche Pegida berichtet haben.

Und vielleicht würde es auch helfen, den Blick so langsam über den Tellerrand und über unsere deutsche Promenade zu heben? Es gibt nämlich auch, wie mir der Spanier erklärte, eine „Pérdida de tiempo“, eine Zeitverschwendung.

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