Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Vom Bürgerkrieg in Charlottenburg

Die AKP hat die Wahl in der Türkei haushoch gewonnen. Die Folgen spürt man nun auch in Charlottenburg

von
Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: Mike Wolff

Am Montag brach in meinem türkischen Obst- und Gemüseladen in Charlottenburg so eine Art Bürgerkrieg aus. Zwei enttäuschte Türkinnen unterhielten sich über den eindeutigen Wahlsieg der Regierungspartei AKP bei den türkischen Parlamentswahlen. Die eine sagte, dass im Dorf ihrer Eltern bei Antalya 280 Menschen leben, aber 600 AKP-Stimmen gezählt wurden, offenbar auch von denen, die schon längst tot sind. Die andere sagte, dass man die Stimmenverluste der prokurdischen Partei HDP und der nationalistischen Partei MHP doch mal zusammenzählen und mit dem Stimmenzuwachs der AKP vergleichen sollte. Dann würde jedes Kind sehen, dass das mathematisch unmöglich ist oder vermutlich wieder die Toten ihre Stimmen für die AKP vom Himmel in die Urnen geworfen haben.

Der Gemüsehändler packte dabei die ganze Zeit ruckartig und aggressiv das Gemüse in die Tüten und sagte dann: „Wir haben euch besiegt. Wer uns nicht folgt, den verscheuchen wir ins Meer wie Atatürk die Griechen!“

Sie schleuderte die Gemüsetüte durch den Laden

Die eine der jungen Türkinnen nahm ihre Gemüsetüte und schleuderte sie durch den Laden: „Bei dir, du Faschist, kaufe ich nichts mehr!“ – „Hau ab, du Terroristin, ich mach dich fertig.“ Die andere Türkin folgte ihr und flüchtete aus dem Laden. „Du bist eine Hure, deine Mutter auch!“, schrie ihr der Kollege des Gemüsehändlers nach.

Ich stand am Kühlfach, ließ meinen Fetakäse zurück ins Kalte fallen und flüchtete ebenfalls.

Arme, traurige Türkei. Die Spaltung des Volkes, die Präsident Erdogan in den letzten Monaten vorangetrieben hat, ist also sogar in Charlottenburg angekommen.

Am Wahlabend zuvor war ich im Kreuzberger Café Südblock zur Wahlparty, wo vorwiegend die Anhänger der HDP die endgültige Wende in der Türkei und das Ende des korrupten, autoritären und demokratiefeindlichen Erdogan-Systems feiern wollten. Stattdessen standen sie da wie in Schockstarre. Der DJ legte nicht eine einzige Platte auf.

Polizisten bewachten die Trauernden

Berliner Polizeieinheiten standen vor dem Café und bewachten die Trauer. Eigentlich sollten sie die Liberalen vor den Nationalisten schützen, aber auch die Anhänger der MHP hatten die Wahl verloren, indem sie von Erdogans Wahlkampf-Krieg gegen die Kurden (mehr als 500 Tote) derartig rechts überholt wurden, dass ihnen nun offenbar die Lust vergangen war, auf die HDP einzuschlagen.

Ich dachte den ganzen Abend, wie sich jetzt wohl Angela Merkel und die westlichen Politiker fühlen müssen. Die Bundeskanzlerin hatte Erdogan ausgerechnet zwei Wochen vor der Wahl einen Besuch abgestattet, um mit ihm – auf goldenen Thronen sitzend – den EU-Beschluss auszuhandeln, dass die Flüchtlinge doch bitte in der Türkei bleiben sollen (was sie nie tun werden!); die Kanzlerin und Brüssel bezahlten hauptsächlich mit Schweigen.

Vermutlich muss man sich die Worte von Politikern, die beteuern, sie hätten bei undemokratischen Herrschern auch über die Menschenrechte gesprochen, wie ein Hüsteln vorstellen. Man schimpft über die Schlepper, schleppt aber selbst seine verlogene Moral wie ein morsches Schiff durch die West-Diplomatie.

Die Nato hatte schon im Sommer zum Krieg Erdogans gegen die Kurden geschwiegen, nicht mal gehüstelt oder sich eingebildet, die Erdogan-Türkei würde ja den IS bekämpfen.

Auf der TV-Leinwand im Cafe Südblock sah ich plötzlich Özcan Mutlu von den Grünen, den einzigen deutschen Wahl-Beobachter in der riesigen Türkei, der mit seinem Smartphone einzelne Wähler bei der Stimmenabgabe fotografierte. Mutlu sah dabei aus wie ein Gekenterter auf dem alles verschluckenden Meer, der sich an sein Telefon klammerte wie an eine Schwimmweste.

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