Rinke über Seehofer : Müüüller-Talllll! I love him!

Ich war gerade in München, wo einer der größten deutschen Schauspieler von Horst Seehofer für sein Lebenswerk geehrt wurde.

von
Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: Mike Wolff

Es ist eigentlich verwunderlich, dachte ich, dass Armin Müller-Stahl ein deutscher Schauspieler ist und in Bayern geehrt wird. Das Tragikomische, das er wie kein zweiter beherrscht, ist nicht gerade eine deutsche Erfindung. Die Deutschen an sich sind zwar höchst tragisch-komisch (sogar Seehofer!), aber leider halten sie nicht so viel vom Tragikomischen.

Die Deutschen trennen den Kunstbetrieb in U und E, in „Unterhaltung“ und „Ernste Kultur“. Die Deutschen sagen, dass da, wo es ernst zugehe, nicht auch noch gelacht werden dürfe und umgekehrt. Der deutsche Theater- und Filmbetrieb betreibt sein Geschäft wie die deutsche Mülltrennung: Gelacht wird in Container U; geschwiegen, streng nachgedacht und manchmal sich auch zu Tode gelangweilt wird in Container E!

Ganz anders Müller-Stahl, der vor den – wen wundert’s – eindimensionalen, deutschen Drehbüchern, Serien und öffentlich-rechtlichen Redakteuren nach Amerika flüchtete.

Eine der für mich schönsten Filmszenen überhaupt spielt Armin Müller-Stahl 1991 in „Night on Earth“ von Jim Jarmusch. Es ist die Episode des ostdeutschen Taxifahrers Helmut Grokenberger an seinem ersten Arbeitstag in New York. Früher war Helmut Grokenberger Zirkusclown, nun sucht er sein Glück in New York.

Und Yoyo versucht auf den Straßen New Yorks bei bitterkalten Temperaturen ein Taxi zu bekommen, aber niemand will den Schwarzen mitnehmen, bis endlich Helmut Grokenberger hält. Bremsend. Wieder anfahrend. Bremsend. Wieder anfahrend. Wieder bremsend.

„Brooklyn?“, schreit Yoyo entnervt durch’s Fenster, als Grokenberger endlich das „P“ für Parken bei der Automatik gefunden hat.

„Hello. How are you?“, antwortet Müller-Stahl in seinem hinreißend ostdeutschen Englisch.

Am Ende fährt sich Yoyo selbst nach Hause nach Brooklyn. Er bringt Grokenberger bei, wie man auf „D“, „to drive“ stellt, und Grokenberger wiederholt so rührend, weltverloren und einsam „D ist to drive?“, dass ich jedes Mal lachen und weinen muss. Spätestens, wenn der frühere Clown dann auf seiner Flöte vorspielt, sich eine rote Nase aufsetzt und alleine durch die Straßen New Yorks irrt.

Am 11. September 2001 war ich selbst in Amerika, Los Angeles, am Flughafen, gebucht nach New York, aber dann stürzten die Twin Towers zusammen – und die Welt schien plötzlich eine andere zu sein. Der state of emergency wurde am Flughafen ausgerufen, und 15 000 andere Flughafengäste und ich versuchten panisch, ein Taxi zu bekommen, weil auch Flugzeuge in der Luft sein konnten, die Anschlagsziele an der Westküste anvisierten.

Ich war ungefähr der Letzte, der ein Taxi bekam. Es war ein Chinese. Er hatte einen Fahrstil wie Helmut Grokenberger.

Ich schrie: „Switch on the radio! Switch on the radio! The world is going down!“

Er wiederum schrie: „No Radio! No Radio … No concentration! I must drive!“

Die Welt war offenbar kurz vor Ausbruch des Dritten Weltkriegs, aber der Taxifahrer wollte das Radio nicht anschalten, weil er sich konzentrieren musste. Nach einer irrsinnig ruckelnden Grokelberger-Fahrt kam ich wieder im Goethe-Institut an.

Zum Abschied sagte ich: „Your driving style reminds me of Armin Müller-Stahl in Night on Earth as a taxi driver!“

Der Chinese drehte sich um und sagte mit leuchtenden Augen: „Müüüller-Talllll??!! I love him. I love him. Müüüüller-Tallllll!“

Er muss ein Weltstar sein, dachte ich.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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