Elena Senft schaltet nie ab : Eine kleine Public-Viewing-Typologie

Es ist wie der erste Urlaub mit dem Partner.

Elena Senft. Foto: Mike Wolff
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Man glaubt, jemanden zu kennen und für immer zu mögen, und plötzlich fördert der Urlaub eine charakterliche Seite zutage, die für immer einen Schatten wirft. Den Schatten der Erinnerung daran, wie der Freund an der mallorquinischen Playa strahlend und in Dreiviertelhosen die Clubtanz-Polonäse zu „Agadou“ angeführt hat.

Die nächsten Wochen bieten eine Menge Gelegenheiten, sich charakterlich nachhaltig zu disqualifizieren. Denn Fußball-WM-Zeit ist Public-Viewing-Zeit. Zeit, in unerwartete Abgründe zu sehen. Zum Beispiel in diese:

– Er kommt zum Deutschlandspiel im Brasilien-Trikot. Denn die Brasilianer, die er „Ballzauberer“ nennt, haben alle früher schon auf der Straße mit alten Dosen Fußball gespielt, ein wahnsinniges Rhythmusgefühl und irre Lebensfreude. In Wirklichkeit geht es diesem Public-Viewing-Teilnehmer um einen aufrührerischen Auftritt in der konform-plumpen Deutschland-Fan- Masse. Seine kleine Revolution. Mit verschränkten Armen jubelt er effektheischerisch, wenn alle anderen entsetzt schweigen, und gießt sich mit Lobeshymnen auf den brasilianischen Fußball noch ein fünftes Bier rein. Wer gewinnt, ist ihm eigentlich völlig egal.

– Sie hat einen beneidenswerten Platz direkt vor der Leinwand, hat dieser allerdings den Rücken zugedreht, um an Weinschorle nippend ausgiebig und laut mit ihren Freunden zu plaudern. Schön, dass alle mal wieder zusammenkommen! Falls sie sich doch umdreht und abfällig auf die Leinwand guckt, kokettiert sie mit Unwissenheit („Also ich weiß ja nicht mal, was Abseits ist …“) oder zweifelhafter Mannschaftsloyalität („Die Argentinier sehen am besten aus.“).

– Er kommt eine halbe Stunde zu spät, weil im Büro noch echt viel los war, und lässt sich auf seinen freigehaltenen Platz im restlos gefüllten Biergarten fallen. „Hm“, sagt er mit Blick auf die suboptimalen Sichtverhältnisse. Und „bisschen weit weg vom Bierstand …“.

Konsequent ignoriert er dabei seinen Kumpel, der seit Stunden quer über drei Plätze liegend dem Spiel in der Horizontalen folgte und körperlichen Angriffen und Beleidigungen der übelsten Sorte standhalten musste, während er eben diesen Platz verteidigte. „Béla Rethy kommentiert? Da hätt’ ich ja gleich zu Hause bleiben können“, nuschelt der Undankbare kaum hörbar.

– Er ist von Natur aus körperlich nervös und hoch gewachsen. Außerdem verfügt er über das Talent, immer einen Platz in einer vorderen Reihe und direkt vor kleinen Menschen zu ergattern. Seine Parade-Disziplin: Aufstehen, sobald sich der Ball auch nur einen Zentimeter weit in der von ihm ersehnten Spielfeldhälfte aufhält, und damit sämtlichen Menschen die Sicht zu versperren. Seine Alternative: Sich sitzend in die Richtung zu lehnen, in der er den Ball gern sehen würde.

– Sie liebt Verkleidungen. Was für ein Zufall, dass die WM in Brasilien stattfindet! Sie nimmt dies zum Anlass, sich wie ein Tourist beim Karneval der Kulturen zu benehmen. Sie gießt sich einen Caipi nach dem anderen rein und dreht durch, sobald ein Samba-Rhythmus zu hören ist. Ehrensache, dass sie die Vuvuzela wieder rausgekramt hat.

– Ansonsten ist sie ein Merchandising-Monster. Sie trägt einen schwarz-rot-goldenen Hut, hat bei Kik ein Fußball-Trikot erstanden, will allen Menschen die Deutschland-Flagge ins Gesicht malen und verteilt Blumenketten in Schwarz- Rot-Gold. Stechend nach Polyester-Schweiß riechend, reißt sie bei jedem Torschuss die Arme in die Höhe und bedient eine Konfetti-Kanone.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelbom und Jens Mühling.

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