Elena Senft schaltet nie ab : Ekelkram aus der Nachbarschaft

Seit Jahren esse ich ungewaschenes Obst. Nicht immer, aber meist.

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Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Klar halte ich verlegen mal eine Erdbeere kurz in den kalten Wasserstrahl, wenn Besuch zugegen ist, aber als man vor einiger Zeit im Zuge der Ehec-Epidemie den Expertenausführungen darüber, wie genau Obst gewaschen gehört, in Fernsehen und Radio fast nicht entgehen konnte, habe ich mich ernsthaft gewundert, dass ich überhaupt noch am Leben bin.

Das letzte Mal, als mein Obst zuverlässig und regelmäßig vor dem Verzehr gewaschen wurde, muss im Elternhaus gewesen sein. Obwohl ich mir da auch nicht ganz sicher bin, denn irgendwo muss diese Prioritätenverschiebung ja ihren Ursprung gehabt haben. Selbstverständlich gibt es aber regelmäßige Momente, in denen ich am Obstregal im Supermarkt beobachte, wie unangenehme Menschen mit klebrigen Fingern – die vorher U-Bahn-Haltegriffe hielten oder sich in die Hand niesten – einzelne Obststücke nacheinander in die Hand nehmen und deren Oberfläche ausgiebig nach Reifegrad oder Knackigkeit abtasten.

Dann denke ich, dass ich das von nun an anders machen werde, weil meine kleine hygienische Leerstelle in einem ansonsten hygienisch lupenreinen Leben wirklich wahnsinnig eklig ist.

Ein ähnlich inkonsequentes Hygieneprinzip verfolge ich bei den „Ebay Kleinanzeigen“. Im Unterschied zum normalen Onlineauktionshaus Ebay geht es hier nicht um bloßes Mitbieten mit anschließendem anonymem Warenversand, sondern man kauft einen Artikel zu einem Festpreis, meist in der Nähe des eigenen Wohnorts, und holt ihn dann dort ab.

Wer ebenfalls einen Beruf hat, bei dem die einzige Kontrollinstanz das eigene lethargische Selbst darstellt, weiß, dass man eine Stunde Arbeit in der Regel mit einer Stunde Recherche nach einem neuen Bett, der Lösung des sich seit zwei Tagen ankündigenden Lippenherpes oder einem überflüssigen Haushaltsgeräts belohnt. Doch jedes Mal, wenn ich eine fremde Berliner Wohnung mit einer auf den Fotos viel reiner wirkenden Neuanschaffung verlasse, denke ich, dass ich das von nun an anders machen werde.

Im letzten Jahr ging auf diese Weise ein Gästesofa in meinen Bestand über, auf dem diverse Katzen ihre Stubenreinheit geübt haben müssen. Außerdem eine Handtasche, in der ich ein benutztes Pflaster fand. Schließlich neulich ein professioneller Entsafter, in dem sich bei genauerer Inspektion daheim die Orangenreste aus Zeiten festgesetzt hatten, in denen Smoothie noch gar kein Wort war. Die Couch habe ich verschenkt. Das Pflaster weggeworfen, was nicht zur Rehabilitierung der Tasche führte. Den Entsafter habe ich mit dem Hinweis auf leichte Verunreinigung sofort wieder bei Ebay-Kleinanzeigen reingestellt.

Etwa dreißig Sekunden später rief Klaus an und will „das Teil“ abholen. In meiner Küche unterzieht er es einer akribischen Untersuchung, zerreibt etwas Orangenrückstand zwischen Daumen und Zeigefinger, riecht daran und schätzt es mit paläontologischer Sachkunde auf vier bis fünf Jahre. Er erkennt Rückstände von Möhren, von Erdbeeren, von etwas, das er keinem Obst oder Gemüse zuordnen will, und dreht sich kurz weg, als er den Deckel eines Siebs entfernt und ihm ein alter Kohlrabi entgegenschaut.

Er verweigert die Zahlung, und ich gebe das Gerät anstandslos ohne finanzielle Gegenleistung ab. Als Klaus dann weg ist, bin ich um zwanzig Euro ärmer, aber finde das mit mir und dem ungewaschenen Obst auf einmal wieder ziemlich unproblematisch. Dass Klaus vorhat, Früchte in diesem Gerät zuzubereiten, das ist die wahre Hygienesünde.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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