Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Online-Kamasutra am Thai-Strand

08:30, Khao Lak. Der Urlauber macht deutlich klar, dass er im Urlaub ist. Der Mann durch Dreiviertelhose, die Frau durch Umwickeln des Bienenleibes mit einem gemusterten Tuch.

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Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Das Zutagefördern eines Laptops in der Beach-Area wirkt auf die Herumliegenden wie ein Affront.

09:00. Meine Internet-Urlaubsvorbereitung in der Demagogenhölle „Tripadvisor“ hatte einige unangenehme Details über das Hotel zutage gefördert, die sich sehr schnell relativieren. „Frühstück: ungenießbar“, hatte ich dort gelesen. Und genau das findet auch das Ehepaar mit dem uniformen grauen Bürstenschnitt, das sich nach dem Haufen Frühlingsrollen, den sie mit Rührei, Speck und neonpinken Würstchen und einem Liter Saft „seltsam aufgebläht“ fühlt.

09:30. Der erste Neugierige nähert sich und setzt sich rauchend mit an den Tisch, um auf die Verfügbarkeit der „Massagedame des Vertrauens“ zu warten. Er trägt eine spacige Sonnenbrille, die aussieht, als könne man mit ihr auch telefonieren, fliegen und andere Menschen nackt sehen, wobei Letzteres hier eine überflüssige Anwendung wäre. Seit einiger Zeit geht an der Strandbar das Gerücht um, dass man von ihrer Massage Schulterschmerzen bekomme, aber der Mann glaubt nicht an Gerüchte. Man soll immer alles ausprobieren, sagt er.

10:30. Ein eiliger Thailänder diktiert mir das W-Lan-Passwort des Hotels so schnell, dass ich beim Eintippen schon weiß, dass es auf gar keinen Fall stimmt. Tut es dann natürlich auch nicht.

12:30. Mittagszeit im Schatten einer Pool-Liege. Frau im Camouflage-Bikini äußert mit blecherner Stimme ihr Misstrauen gegenüber dem gemeinen Thailänder: „Letztes Jahr hab ich in Thailand für acht Euro eine Prada-Brille gekauft, und dann komm ich nach Hause und was ist? Das ist ’ne Fälschung!“ Großzügig lässt mich das tarnfarbene Walross von ihrem Erlebnis profitieren: „Das können Sie ruhig schreiben! Die schenk ich Ihnen, die Geschichte“, sagt sie und lässt sich mit zugehaltener Nase seitlich in den Pool fallen.

13:00. „Doofe Frage, aber kann ich mal Ihr Internet?“ Nuschelnd beugt sich der alkoholisierte Sonnenhutträger über meinen Rechner. Er möchte einen Tisch im „Smile“-Restaurant reservieren.

14:45. Die Doppelkopfrunde aus Frechen überlegt, den Programmpunkt „Thai Boxing“ in ihr Besichtigungsprogramm mit aufzunehmen, Helga kommt aber nicht mit, die hat es schon mal im Fernsehen gesehen.

16:00. Ich suche Abkühlung im Meer. Nach zwei Minuten Schmerzen im linken Bein, die im Internet später von anderen Betroffenen als „Hieb mit einer brennenden Peitsche“ beschrieben wurden, was ich nur ein winziges bisschen übertrieben finde. Ich unterdrücke einen Schrei, um nicht vom sich mit rudernden Armen nähernden Sonnenhutträger gerettet zu werden, und schleppe mich ans Ufer wie eine angefahrene Katze. Später am Abend werde ich lernen, dass selbstverständlich auch diese Internetrecherche mit dem sicheren Tod endet. Außerdem, dass die „portugiesische Galeere“ nicht nur eine Kamasutra-Liebesaktstellung ist, sondern auch eine fiese Qualle, die seit einiger Zeit auch in Thailand zu Hause ist. Eine einfache Feuerqualle lasse ich beim Blick auf die unappetitliche, daumendicke Blasenbildung am Bein nicht gelten.

16:05. Ich sitze an der Bar, und der eilige Thailänder beschmiert mein Bein mit einer giftgrünen Paste. Andere Barangestellte schauen zwischendurch auf das Bein und raunen anerkennend. Ich erwarte einen allergischen Schock. Beruhigend immerhin: Der eilige Thailänder ist gar nicht aufgeregt. Der ist sogar so ruhig, dass er nun ganz langsam noch mal das W-Lan-Passwort aufsagen kann.

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