Dr. WEWETZER : Grippeimpfung contra Infarkt

Nebenwirkungen von Impfungen muss man gelegentlich in Kauf nehmen. Es gibt aber auch erfreuliche Begleiterscheinungen, wie eine Untersuchung australischer Forscher belegt.

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Wewetzer Foto: Kai-Uwe Heinrich
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Personen, die gegen Grippe geimpft waren, ein deutlich geringeres Risiko für Herzinfarkt haben. Es kann sein, dass die Impfung die Gefahr eines Infarkts halbiert, meinen die Forscher. Und schlagen bei dieser Gelegenheit vor, die Altersuntergrenze für die Impfung zu überdenken. In Australien wird routinemäßig ab 65 gegen die Virusgrippe Influenza geimpft, in Deutschland gilt eine allgemeine Impfempfehlung ab dem 60. Lebensjahr. Vielleicht wäre die schon früher nützlich, etwa vom 50. Lebensjahr an – nicht nur als Grippe-, sondern auch als Infarktschutz.

Raina MacIntyre von der Universität New South Wales in Sydney und ihre Kollegen untersuchten 559 Klinikpatienten jenseits der 40, die in den Wintermonaten 2008 bis 2010 behandelt wurden. Die eine Hälfte hatte einen Infarkt, die andere nicht. Das Wissenschaftlerteam verglich dann die beiden Gruppen und schaute sich ihr Risikoprofil an. Da waren zum einen bekannte Gefahrenmomente: Rauchen und erhöhtes Cholesterin verdoppelten jeweils die Infarktgefahr, das männliche Geschlecht erhöhte das Risiko gar um das Vierfache. Zunächst hatte es den Anschein, dass auch eine Virusgrippe oder ein anderer Atemwegsinfekt bei Infarktpatienten gehäuft auftrat. Andere Untersuchungen hatten das nahegelegt. Dieser Verdacht zerstreute sich jedoch. Doch zeigte es sich, dass gegen Grippe Geimpfte nur halb so oft einen Infarkt bekamen wie Nichtgeimpfte.

Aber wie kann eine Impfung gegen ein Virus der Atemwege vor einem Herzinfarkt schützen, also dem Verschluss eines Herzkranzgefäßes mit einem Blutpfropf? Es ist wahrscheinlich, dass eine Infektion Entzündungsvorgänge im Körper anfacht. In bereits verengten und verkalkten Schlagadern im Herzen kann das der entscheidende letzte Schritt zur Bildung eines Blutgerinnsels bedeuten, nehmen die Forscher an. Geimpfte sind vor einer Infektion zwar nicht sicher geschützt, doch diese verläuft oft schwächer, mit weniger Komplikationen wie etwa einer Lungenentzündung. So wird womöglich auch das Herz verschont.

Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße sind entscheidende Ursache des Infarkts, und sie sind häufig, auch schon bei Menschen unter 60. Wenn es sich bewahrheitet, dass die Grippeimpfung die Gefahr verringert, dann sollte sie auch bei Jüngeren erwogen werden. Umso mehr bei bereits Herzkranken.

Allerdings ist die australische Studie kein letzter Beweis, wie er für eine allgemeine Empfehlung wohl vonnöten wäre. Die Untersuchung war relativ klein und nicht so angelegt, um zwingend Ursache (Impfung) und Wirkung (kein Infarkt) verknüpfen zu können. Geforscht werden muss also weiter. Manchem, der vor einer Impfung zaudert, wird das Infarkt-Argument aber vielleicht schon jetzt zu Herzen gehen.

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