Dr. WEWETZER : Nur zur Kontrolle

Andere Leute meditieren, ich gehe zum Zahnarzt. Wenn ich im Behandlungsstuhl sitze und meinen Zahnarzt für die jährliche Kontrolluntersuchung erwarte, komme ich zur Ruhe. .

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Wewetzer Foto: Kai-Uwe Heinrich
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ich gehe in mich, beobachte durch das Fenster das Treiben auf der Straße und lasse schließlich mein Leben an mir vorbeiziehen. Was habe ich eigentlich zwischen den Zahnarztbesuchen getan? Gewöhnlich beendet dann die Ankunft des Zahnarztes meine bohrende Innenschau. Sofern kein Loch im Zahn entdeckt wurde, bis zum nächsten Jahr.

Bis zum nächsten Jahr? Über die Frage, wie oft Erwachsene ihre Zähne nachsehen lassen sollen, wird seit Jahrzehnten in Fachkreisen debattiert. Auch die Krankenkassen sind geteilter Meinung. Die Barmer empfiehlt zwei Besuche im Jahr, laut AOK genügt einer. Die Bundeszahnärztekammer steht mit ihrer Meinung dazwischen. Der Sechs-Monats-Zahncheck soll übrigens bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen. Damals schrieb der französische Arzt Pierre Fauchard, Vater der modernen Zahnheilkunde, dass alle Menschen, denen ihre Zähne am Herzen liegen, jährlich zwei bis drei Mal einen „erfahrenen Dentisten“ aufsuchen sollten.

Solide wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema sind bis heute eher Mangelware, obwohl es für das Gesundheitswesen nicht ganz unerheblich ist, ob die Bevölkerung ein oder zwei Mal im Jahr zum „erfahrenen Dentisten“ geht. Allerdings gibt es nun eine Studie aus Amerika, die der Sechs-Monats-Frage nachging und die im „Journal of Dental Research“ veröffentlicht wurde. Über einen Zeitraum von 16 Jahren wurde bei mehr als 5000 Erwachsenen geprüft, wie sich die zeitlichen Abstände beim Zahnarztbesuch auf den Zahnverlust auswirkten.

Das Ergebnis war eindeutig. Bei Patienten mit einem niedrigen Risiko für Zahn- und Zahnfleischerkrankungen machte es keinen wesentlichen Unterschied, ob sie ein- oder zweimal im Jahr zur Kontrolle gingen. Als gefährdet stuften die Wissenschaftler Raucher, Diabetiker (Zuckerkranke) und Menschen mit einer genetischen Veranlagung für Zahnfleischentzündungen ein, mutmaßlich erkennbar an einer bestimmten Variante des Gens für das Immuneiweiß Interleukin-1 (nun ja, die Firma für den Gentest hat die Studie mitfinanziert). Lag ein erhöhtes Risiko vor, dann waren häufigere Zahnarztbesuche besser. Bei mehreren Risikofaktoren konnten sogar mehr als zwei Kontrollen im Jahr sinnvoll sein.

Sind Zähne und Zahnfleisch intakt, ist man zudem weder Raucher noch zuckerkrank, dann kann der jährliche Check also genügen. In allen anderen Fällen entscheidet das individuelle Risiko darüber, wie oft der Zahnarzt nachsehen sollte. Gerade Zahnfleischprobleme sind nicht selten und können häufigere Kontrollen erfordern. In den USA, in Sachen Mundgesundheit weiß Gott kein Entwicklungsland, ist jeder Zweite betroffen, fast jeder Zehnte hat sogar eine schwerere Form der Zahnfleischentzündung.

Wie dem auch sei, ich freue mich schon auf meine Meditation im Zahnarztstuhl. Natürlich erst im nächsten Jahr.

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