Dr. WEWETZER : Schach der Demenz

Geistiger Verfall, Demenz, gilt als Fluch des Alters. Aber manche Menschen werden von ihm verschont.

von
Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

So wie der Komponist Elliott Carter. Zu dessen 100. wurde in der New Yorker Carnegie-Hall 2008 eine Komposition für Klavier und Orchester von Carter uraufgeführt, die dieser im zarten Alter von 98 geschrieben hatte. „Ich weiß nicht, wie ich es gemacht habe“, kommentierte er gegenüber der „New York Times“ seine späte Schaffenskraft. Bis zu seinem Tod mit 103 komponierte Carter weiter, frisch und scheinbar frei von der Last der Jahre. Ein Einzelfall, vielleicht. Doch das muss nicht so bleiben. Die Häufigkeit der Demenz geht offenbar zurück, der prozentuale Anteil der Betagten, die erkranken, nimmt ab.

Jüngstes Indiz dafür sind zwei Studien, die im Fachblatt „Lancet“ veröffentlicht wurden. Dänische Forscher um Kaare Christensen von der Universität von Süddänemark verglichen das geistige Leistungsvermögen und das Bewältigen des Alltags in zwei Gruppen über 90-Jähriger Dänen. Die einen waren Jahrgang 1905 und wurden 1998 getestet, die anderen Jahrgang 1915, Testzeitpunkt war 2010. Obwohl die 1915 Geborenen in höherem Alter geprüft wurden, schnitten sie deutlich besser ab als die zehn Jahre zuvor Geborenen.

Ähnlich gingen Wissenschaftler unter Leitung von Carol Brayne von der Uni Cambridge vor. Sie verglichen zwei Gruppen Älterer jenseits des 64. Lebensjahres, die erste um das Jahr 1991, die zweite um 2011 mit den gleichen Methoden. Es stellte sich heraus, dass die Häufigkeit von Demenz im Abstand von 20 Jahren um fast ein Viertel zurückgegangen war, von gut acht auf sechseinhalb Prozent. Auf der Grundlage der Zahlen von 1991 hatte man für das Großbritannien der Gegenwart 884 000 Demenzkranke angenommen. Auf der Grundlage der aktuellen Zahlen von 2011 waren es „nur“ 670 000.

Woran liegt’s? Weniger Raucher, bessere behandelte Risikofaktoren wie hoher Blutdruck und erhöhte Blutfette, gesündere Ernährung, mehr Bewegung, eine geistig anregende Umgebung mögen Ursachen sein. „Sehr erfreulich“ findet der Psychiater Timo Grimmer von der Uniklinik der TU München die Studien. Er gibt aber zu bedenken, dass nicht alle Formen der Demenz gleichermaßen weniger werden. Während ein Mittel gegen die Alzheimer-Demenz (Eiweißablagerungen im Gehirn) noch dringend gesucht wird, lässt sich der gefäßbedingten „vaskulären“ Demenz (Gefäßverkalkung, kleine Schlaganfälle) in Maßen vorbeugen. Häufig treten beide zusammen auf.

Es ist wahrscheinlich, dass auch in Deutschland ältere Menschen seltener dem geistigen Verfall erliegen als angenommen. Zur Zeit leben bei uns etwa 1,4 Millionen Demenzkranke, schätzt die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft. 2050 sollen es drei Millionen sein. Womöglich ist das zu hoch gegriffen, auch wenn die Zahl Älterer stark zunehmen wird. Hoffentlich sind viele dabei, denen es wie Elliott Carter geht. Er meinte, sein Leben sei Glückssache gewesen. Aber wer sagt, dass man dem Glück nicht ein wenig nachhelfen kann?

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