Krieg von 1894 : Japan schlägt das Reich der Mitte

Beide Länder waren hinter die Konkurrenten aus dem Westen zurückgefallen, doch Japan lernte schneller: Im Krieg von 1894 besiegte die Inselmacht das riesige China. Die Rivalität währt bis heute.

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Der Farbholzschnitt von 1894 zeigt japanische Offiziere bei der Kartenbesprechung. Foto: pa/akg
Der Farbholzschnitt von 1894 zeigt japanische Offiziere bei der Kartenbesprechung.Foto: pa/akg

Alle Vorteile schienen bei den Chinesen zu liegen. Der Sommer 1894 neigte sich dem Ende zu, da stand die erste große Schlacht bevor. Anderthalb Monate waren seit Ausbruch des Krieges gegen Japan vergangen. Zeit genug, Truppen zusammenzuziehen und Verteidigungsanlagen zu bauen. Pjöngjang war eine strategisch günstige Basis, eingerahmt von Bergen, im Osten wie im Süden geschützt vom breiten Taedong-Fluss. Die heutige Hauptstadt Nordkoreas zählte damals 40 000 Einwohner; Kirchen prägten das Stadtbild, die Missionare waren in der Gegend besonders erfolgreich gewesen. Nun hielten sich hier mehr als 13 000 chinesische Soldaten verschanzt, ihre Forts umgeben von Gräben.

Als die japanischen Truppen am Morgen des 15. September das Feuer eröffneten, rechnete kaum jemand mit ihrem Sieg. Zwar hatte China in den Wochen zuvor Niederlagen einstecken müssen. Aber seinem Stolz tat das keinen Abbruch. Seit vielen hundert Jahren begriffen die Chinesen ihr Reich als Zentrum der Welt. Japan, das waren in dieser Sicht ein paar unbedeutende Inseln an der Peripherie der chinesischen Kultur. Einst hatten die Japaner Schriftzeichen, Philosophie und Elemente des Regierungssystems vom Nachbarn übernommen - und dem Kaiser in Peking sogar Tribut gezollt. Auch die Europäer, die von dem Konflikt in Ostasien spät Notiz nahmen, vermuteten, das riesige China werde seinen kleinen Gegner bezwingen.

Die Schlacht um Pjöngjang dauerte bloß einen Tag. Die Japaner griffen von Norden und Südosten an, in wenigen Stunden starben dabei so viele Chinesen, dass um halb fünf nachmittags eine weiße Fahne gehisst wurde. Nur der heftige Regen verzögerte die vollständige Einnahme der Stadt bis zum nächsten Morgen.

Am Ende hatte die chinesische Armee 2000 Tote zu beklagen, die japanische gerade mal 102. Chinas Soldaten flohen, manche getarnt als Zivilisten. Sie ließen Dutzende Feldgeschütze zurück, hunderte Gewehre und mehr als tausend Pferde. Alles fiel den Japanern in die Hände. Was für ein Gesichtsverlust! "Mangel an Training und Disziplin, Feigheit auf allen Ebenen, zügellose Ungehorsamkeit, Fahnenflucht und Korruption" machte man im Ausland für die Niederlage verantwortlich, schreibt die amerikanische Militärhistorikerin Sarah C. Paine.

Und die Katastrophe ging weiter. Die Japaner zogen gen Norden, gewannen die Seeschlacht am Yalu, dem Grenzfluss zwischen China und Korea, schließlich drangen sie in die Mandschurei und bis in die Nähe Pekings vor. Anfang 1895 hatte China endgültig verloren, und das ausgerechnet gegen seinen vermeintlichen Musterschüler. Diese Demütigung wog weit schwerer als die Niederlagen gegen Briten oder Franzosen, die die Chinesen in den Jahren zuvor hatten hinnehmen müssen.

In Europa ist der Erste Japanisch-Chinesische Krieg, bei dem um Einfluss auf der koreanischen Halbinsel gekämpft wurde, heute weitgehend vergessen. Dabei ist er entscheidend, um die wieder aufflammende Rivalität zwischen den zwei großen Mächten Ostasiens zu verstehen. Der Krieg markiert eine Zeitenwende: in der Region wie in der Weltpolitik. Nach ihm stieg Japan kometenhaft zur Großmacht auf, China dagegen erlitt einen dramatischen Abstieg.

In Gang gesetzt hatte diese Entwicklung der Westen. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts suchte keines der ostasiatischen Länder den Auftritt auf der Weltbühne. China ruhte selbstzufrieden in sich und war wenig am Austausch mit fremden Kulturen interessiert, Japan trieb nur eingeschränkt Handel, etwa mit den Niederlanden, und das auch bloß über den Hafen von Nagasaki, und Korea hatte sich so konsequent verschlossen, dass es ihm den Ruf eines "Eremitenstaats" einbrachte. Doch Europas Mächte und die USA machten sich daran, den Osten zu "öffnen". Eine freundliche Umschreibung dafür, dass sie ihre militärische Überlegenheit nutzten, fremde Länder notfalls zu Handelsbeziehungen zu zwingen. Die vereinbarten Geschäfte nutzten oft nur ihnen selbst.

Der Farbholzschnitt von 1894 zeigt japanische Offiziere bei der Kartenbesprechung. Foto: pa/akg
Der Farbholzschnitt von 1894 zeigt japanische Offiziere bei der Kartenbesprechung.Foto: pa/akg

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