Künstlerin Isa Genzken im Interview : „Zu Tokio Hotel tanze ich wie ein Teenager“

Isa Genzken kennt die Euphorie des Nachtlebens und die Abgründe der Psychiatrie. Warum sie Jeff Koons blöd findet, Wolkenkratzer und eine Berliner Bar liebt

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Die Künstlerin Isa Genzken neben den von ihr geschaffenen Köpfen der Nofretete mit Sonnenbrilleni. Die Ausstellung "Isa Genzken - Mach dich hübsch!" wird bis zum 26.06.2016 im Martin-Gropis-Bau gezeigt.
Die Künstlerin Isa Genzken neben den von ihr geschaffenen Köpfen der Nofretete mit Sonnenbrilleni. Die Ausstellung "Isa Genzken -...Foto: Jens Kalaene/dpa

Isa Genzken, 67, gilt als wichtigste deutsche Künstlerin der Gegenwart. Sie studierte in Hamburg, Berlin und Düsseldorf – ihren Kunstprofessor Gerhard Richter heiratete sie. Seit der Scheidung lebt Genzken wieder in Berlin. Im Martin-Gropius-Bau läuft bis zum 26. Juni eine große Retrospektive

Frau Genzken, Sie werden als Künstlerin weltweit gefeiert und verehrt. Normalerweise geben Sie keine Interviews. Zuletzt haben Sie Ihre Installationen und Skulpturen unter erschwerten Bedingungen angefertigt.

Ich habe die vergangenen zehn Jahre teilweise in der Psychiatrie verbracht. Seit einem halben Jahr darf ich leben, wie ich möchte.

Bei Ihnen wurden eine bipolare Störung und eine manische Depression diagnostiziert. Wie geht es Ihnen jetzt?

Morgens muss ich Tabletten nehmen und noch einmal abends. Ansonsten führe ich ein selbstbestimmtes Leben.

Wir treffen uns in Ihrem Charlottenburger Atelier. Ein Poster von Dürers Selbstporträt hängt an der Wand, Münzen haben Sie auf dem Boden festgeklebt, es liegen mehrere Fotos herum, als Vorbereitung für die nächste Ausstellung in New York. Vor drei Jahren hatten Sie bereits eine große Schau im Museum of Modern Art, nun läuft im Martin- Gropius-Bau eine Retrospektive von Ihnen. Was hat Ihnen bei der Eröffnung am besten gefallen?

Das Gebäude! Die Säulen, das ganze Gold. Da bekam ich ein kaiserliches Gefühl. Und das ist nicht einfach in Berlin. Es ist eine Genugtuung, hier auszustellen, in der Stadt, in der ich lebe.

Als Sie im MoMA zeigten, schrieb die „Welt“: „ein Einzug in das Pantheon der modernen Kunst“.

Wenn man dort ausstellt, ist das ein Ritterschlag. Danach kann ich in jedes Hotel in Manhattan gehen und an der Rezeption erklären: Hören Sie, ich habe schon im MoMA ausgestellt, ich will ein Zimmer, mein Galerist zahlt alles. Im Waldorf-Astoria rufen sie dann bei David Zwirner an, der übernimmt die Rechnung, und ich kann bleiben.

Werke der Künstlerin Isa Genzken aus Oberhemden im Martin-Gropius-Bau.
Werke der Künstlerin Isa Genzken aus Oberhemden im Martin-Gropius-Bau.Foto: dpa

Merken Sie diesen Bedeutungszuwachs auch an den Preisen, die für Ihre Werke bezahlt werden?

Mit meiner Kunst habe ich immer genug Geld verdient, um die Flüge in die USA allein zu zahlen. Während meiner Ehe mit Gerhard Richter

der teuerste zeitgenössische Künstler der Welt war Ihr Professor in Düsseldorf, von 1982 bis 1993 waren Sie mit ihm verheiratet und lebten in Köln …

… ich brauchte ihn nie darum zu bitten, mir diese Reisen zu bezahlen. Ansonsten hätte er mich vermutlich nicht fahren lassen. Unsere Beziehung war sehr gut, nur ist er ein Naturmensch und liebt es, am Wochenende im Wald Pilze zu sammeln. Einmal bin ich mitgegangen, Gerhard Richter hat nicht lange gebraucht, um welche zu finden. Die koche ich jetzt für dich, hat er gesagt. Hat sogar gut geschmeckt, war kein giftiger darunter.

Nach New York wollte er demnach nicht mit?

Nur einmal. Da hatte ich bei Marian Goodman eine Ausstellung, Gerhard Richter begleitete mich. Er sagte gleich nach der Ankunft: Diese Stadt mag ich nicht. Na, da war ich schon bedient. Ihm gefiel der blaue Himmel. Ich habe ihn gefragt: Und die Wolkenkratzer etwa nicht?

Nach Ihrer Scheidung sind Sie Mitte der 1990er Jahre wieder nach Berlin gezogen, wo Sie bereits 30 Jahre zuvor als Teenager lebten.

Ich wollte aus Köln weg, weil ich geschieden und sehr unglücklich darüber war. Hab angefangen zu saufen und zu saufen, habe mich sehr unangemessen benommen – wegen dieses Unglücks mit meinem Mann! So viel habe ich getrunken, dass mir die Stricher alles Geld geklaut haben. Ich holte von der Bank 1000 Euro ab, ging in die „Blue Boy Bar“ in Schöneberg ...

... in der sich fast 24 Stunden lang schwule Freier und Kunden treffen ...

... und da haben mir die Stricher die Taschen geleert. Am nächsten Tag bin ich wieder zur Bank und habe mehr geholt. Das ging lange so. Eines Tages bin ich hingefallen, mit meinem Kopf auf den Boden geknallt. Daraufhin ließ mich meine Mutter in die Psychiatrie einweisen.

Sie behaupten, Ihre Mutter habe Sie entmündigt und eingewiesen?

Sie wollte Schauspielerin werden, das war ihr Traum, nach dem Krieg ging das nicht. Dann ist sie als erste Frau in Deutschland in die amerikanische Pharmaindustrie eingestiegen, hat viel Geld verdient. Sie wusste über Pillen Bescheid, da hat man ihr natürlich geglaubt wegen ihres Berufs. Dass ich mich wegen meines Ex-Mannes besoffen habe, auf die Idee kam keiner. Aber die Pillen haben nicht geholfen, das sage ich Ihnen gleich.

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