Land in Südamerika : Suriname: Schlagabtausch der Vogelstimmen

Suriname, das kleinste Land Lateinamerikas. In der Hauptstadt Paramaribo leben Nachfahren von Sklaven, Einwanderer aus Indien, Indonesien, Europa ... Alle haben das gleiche Hobby: Sie lassen ihre Vögel gegeneinander ansingen.

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Ein Bewohner von Paramaribo mit seinem Vogel am Fluss Suriname.
Ein Bewohner von Paramaribo mit seinem Vogel am Fluss Suriname.Foto: Mauritius

Gäbe es eine Rangliste der schlechtesten Tauschgeschäfte aller Zeiten – die Niederlande hätten einen Spitzenplatz. Es ist 1667, als der zweite Englisch-Niederländische Krieg endet. Drei Jahre hatten sich beide Staaten um die Vorherrschaft auf den Meeren duelliert, nun schließen sie Frieden. Scheinbar zum Vorteil der Niederländer. Sie bekommen eine Küstengegend im Norden Südamerikas mit dem strategisch wichtigen Fort in der Nähe des Dorfes Parmibo am Atlantik, bis dahin unter englischer Kontrolle. Ein Gebiet voller tropischer Früchte. Die Engländer erhalten dafür einen kleinen, scheinbar weniger bedeutenden Flecken an der Ostküste Nordamerikas. Ihrer karibischen Eroberung geben die siegreichen Niederländer einen neuen Namen. Aus Parmibo wird Paramaribo. Auch die Engländer benennen um, aus Neu Amsterdam wird New York. Tja.

Der Rest ist bekannt, zumindest was die Entwicklung New Yorks betrifft. Und Paramaribo?

Der niederländische Besitz von einst ist heute die Hauptstadt von Suriname. Das kleinste Land Lateinamerikas hat 500 000 Einwohner, es liegt am Atlantik zwischen Französisch-Guayana und Guyana. Weite Teile von Suriname bestehen aus Dschungel, und so lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Paramaribo am linken Ufer des Flusses, der ebenfalls Suriname heißt. Ein multikultureller Ort: mit Menschen, die einst aus Indien und Indonesien kamen, mit Arabern, Chinesen, Europäern. Und noch etwas zeichnet die Stadt aus: ihre Vögel.

Sein Vogel heißt "Der große Lehrmeister"

Es ist ein Sonntagmorgen, als Prem Lakhansingh auf der Wiese vor dem Präsidentenpalast steht. Er wirkt gut gelaunt. In der einen Hand hält er einen Plastikbecher mit Whisky auf Eis, es dürfte der fünfte Drink an diesem Morgen sein, in der anderen einen kleinen Käfig. Wenn man Lakhansingh fragt, was für seine gute Laune verantwortlich ist, dann zeigt er triumphierend auf den handgroßen schwarzen Vogel im Käfig. Guru Dew, „Der große Lehrmeister“, ein Twatwa, ein Singvogel aus dem Dschungel.

Prem Lakhansingh, 62 Jahre alt, von Beruf Altenpfleger: glücklicher, stolzer, betrunkener Mann. Eine Dreiviertelstunde zuvor hat sein Twatwa wieder einen Gegner besiegt. Denn jeden Sonntag im Morgengrauen treffen sich auf der Wiese Männer zum Duell – im Vogelgesang. Sie befestigen die Käfige an Stangen, die zuvor in den Rasen gerammt wurden, sorgen für Nähe unter den Kontrahenten. Dann beginnen die Tiere zu piepen. 15 Minuten dauert ein Kampf, pro Vogel ist ein Schiedsrichter dabei, der die Pfiffe zählt. Ein langer Triller ist genau so viel wert wie ein kurzes Piepsen, neben den Käfigen sind Kreidetafeln im Boden befestigt. Jeder Pieps ergibt einen Strich.

„Alle haben sie sich geirrt in Paramaribo“, sagt Lakhansingh. „Dass ich mit meinem Vogel niemals hier würde gewinnen können, haben sie gesagt.“ Schließlich lebt Lakhansingh in Den Haag, in Europa, und dort war auch sein Twatwa daheim. Wo es Jahreszeiten gibt, wo die Temperaturen so viel niedriger sind als in der Nähe des Äquators. Dann noch viel weniger Licht als in der Karibik. Und schließlich das wichtigste Argument: Dass Guru Dew keine Chance hätte gegen Paramaribos Champions, weil er ein Zuchtvogel ist, kein Wildfang wie die lokalen Stars. Und nun das. Vor Monaten ist Lakhansingh in Paramaribo gelandet, zum Überwintern, wie jedes Jahr. Und seitdem gewinnt sein Vogel, ohne Pause.

„Die Leute hier haben eine große Klappe“, sagt Lakhansingh, „und ich mache mich jetzt daran, sie ihnen zu stopfen.“ Von ihm, dem Europäer, können sie lernen, was eine Harke ist, erklärt er – obwohl er ursprünglich auch aus Suriname stammt.

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