Lichtverschmutzung : Die dunklen Städte in der Rhön

Wer Sterne sehen will, braucht Dunkelheit. In der Rhön kämpfen Aktivisten deshalb gegen Lichtverschmutzung. Ein Bürgermeister ist strikt dagegen

Paul Munzinger
Verdunklung in der Röhn: Das bayerische Oberelsbach strahlt seine Kirche nun nicht mehr die ganze Nacht an, die Straßenbeleuchtung wird gedimmt.
Verdunklung in der Röhn: Das bayerische Oberelsbach strahlt seine Kirche nun nicht mehr die ganze Nacht an, die Straßenbeleuchtung...Foto: pa/dpa

Über den Golfplatz von Hofbieber hat sich die Nacht gelegt wie ein schwarzes Tuch. Nur eine Laterne wirft ihren matten Schimmer auf den Weg, der an den Grüns vorbeiführt. „Lichtverschmutzung“ schnaubt Sabine Frank und zieht weiter Richtung Dunkelheit.

100 Meter den Hang hinab hat die Nacht das Licht der Laterne verschluckt. Unten im Tal, wo sich die letzten Berge der Rhön in der Ebene verlieren, blitzen die Lichtkegel vorbeifahrender Autos auf. Sonst: Schwärze. Sabine Frank bleibt stehen und legt den Kopf in den Nacken.

Jeder dritte Deutsche, das sagt eine Studie, hat noch nie die Milchstraße gesehen. In der Rhön spannt sie sich silbrig schimmernd von Horizont zu Horizont. Statt ein paar Dutzend Sternen wie am Himmel über Berlin blinken hier zwei- bis dreitausend. Der Laie sieht ein Wimmelbild. Sabine Frank sieht ein Netz aus unsichtbaren Pfaden, Sternbildern und Geschichten.

Für Frank, 43, braune Haare, wache Augen, ist es ein besonderer Abend. Seit 2007 veranstaltet die Hobby-Astronomin Sternenführungen auf dem Golfplatz ihres Heimatorts Hofbieber. Doch dies ist die erste, seit die Rhön, das Mittelgebirge an der Kreuzung von Bayern, Hessen und Thüringen, offiziell zu einem Sternenpark ernannt wurde.

Die International Dark-Sky Association (IDA) zeichnet mit diesem Titel Regionen aus, in denen es nachts besonders dunkel wird. Weltweit sucht sie nach Inseln im Lichtermeer der modernen Zivilisation, propagiert den Kampf gegen die Lichtverschmutzung: gegen zu helles Licht, überflüssiges und solches, das buchstäblich sein Ziel verfehlt und sinnlos in die Atmosphäre strahlt. Der IDA und ihren Mitstreitern geht es nicht nur um den ungestörten Blick auf die Sterne. Sie wollen der aus ihrer Sicht vergessenen Hälfte des Umweltschutzes zu ihrem Recht verhelfen: dem Schutz der Nacht. Die falsche Beleuchtung zerstöre „natürliche Nachtlandschaften“, sie schade nachtaktiven Tieren und Pflanzen. Und auch dem Menschen.

2006 entstand im US-Bundesstaat Utah der erste Dark Sky Park, 2009 folgte der Galloway Forest Park in Schottland, der erste in Europa. Dass die IDA Anfang August auch die Rhön zum Sternenpark ernannte, liegt vor allem daran, dass Sabine Frank auf einer ihrer Sternwanderungen vor fünf Jahren den Steinbock nicht finden konnte.

Der Steinbock ist ein Sommersternbild, knapp über dem Horizont. Normalerweise eine leichte Übung für Frank. Doch an diesem Abend war der Steinbock weg.

Erst traute sie ihren Augen nicht, aber dann, so erzählt sie heute, dämmerte es ihr. In Fulda, gut zehn Kilometer westlich von Hofbieber, war ein Gewerbegebiet gebaut worden. Neue Häuser und viel neues Licht, das von unten in den Himmel drückte. Der Steinbock, da ist sich Frank sicher, wurde Opfer der Lichtverschmutzung. Sie beschloss, dem „Artensterben am Himmel“ nicht länger tatenlos zuzusehen.

Frank begann zu messen. An 150 Orten in der Rhön streckte sie ein kleines schwarzes Gerät in Richtung Sterne, das den Grad der Dunkelheit in Zahlen übersetzt. Die Werte überraschten sie selbst. An den dunkelsten Stellen der Rhön ist es so dunkel wie an den dunkelsten Stellen Namibias.

In einem Sternenpark, so schreibt es die IDA vor, müssen 80 Prozent der betroffenen Kommunen einem Beleuchtungskonzept zustimmen. Wenn sie neue Straßenlampen installieren oder alte austauschen, soll das Licht wenig Blauanteil enthalten und nach oben abgeschirmt werden. Das Anstrahlen von Gebäuden ist möglichst zu vermeiden, und wenn überhaupt, dann von oben nach unten.

Also schrieb Frank an die Bürgermeister der Rhön, tingelte durch Kommunalversammlungen. Sie erzählte von Zugvögeln, die das Licht am Boden aus der Bahn wirft, und von Insekten, die an Straßenlaternen verglühen. Sie berichtete von Menschen, die im Schlaf nicht mehr ausreichend Melatonin produzieren, weil das blaustichige Licht ihr Hormonsystem durcheinanderbringt. Und sie erklärte, dass die Kommunen Energie und damit Geld sparen könnten. Frank hat viel Überzeugungsarbeit geleistet. Die Urkunde, in der die IDA den Sternenpark Rhön offiziell anerkennt, hängt jetzt in ihrer Wohnung an der Wand.

Frank hat auch einen Brief nach Geisa geschickt, an Martin Henkel. Aber Martin Henkel hat sie nicht überzeugt.

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