Liebeserklärung ans Segeln : Ein Mann, ein Boot

Keine Menschen, keine Kneipen, kein Straßenlärm, dafür Wellenskulpturen und Himmelskino. An Bord eines Segelschiffs kann man sich der Welt entziehen, ohne etwas zu verpassen. Ein Seemannslied über die endlose Weite.

Marc Bielefeld
Panorama: Manchmal erscheint das Meer als Gemälde - und keiner quetscht es in einen Rahmen.
Panorama: Manchmal erscheint das Meer als Gemälde - und keiner quetscht es in einen Rahmen.Foto: Getty Images/mbbirdy

Ich schreibe diese Zeilen an dem schönsten und ehrlichsten Ort, den ich kenne. An Bord meines alten Segelboots. Wie ein weißer Schwan liegt das Schiff vor Anker, schwebt in einem stillen Noor (siehe Glossar unten) an der Schlei. Jederzeit kann es sich davonmachen, und manchmal frage ich mich: Was ist das überhaupt – ein Ort?

Stets schwankt das Boot ein bisschen, wackelt und torkelt, besonders, wenn es windet und regnet wie gerade. Dann jammert alles, die Takelage, die Stage, die Wanten. Letzte Nacht musste ich aufstehen, um die Fallen vom Mast wegzubinden. Sie schlugen und jaulten so laut, dass sie mich weckten; das halbe Schiff vibrierte.

Aber dann stopfte ich mich wieder in meinen Schlafsack und ließ mich vom nunmehr weniger Getöse machenden Wind einlullen.

Ich schlief bis morgens um neun.

Das Plätschern beruhigt

Oft weile ich fünf, sechs, sieben Monate auf meinem Schiff namens „Phurieng“, bis in den tiefen Herbst. Wohne, arbeite und lebe auf meinem alten Kahn aus Holz. Längst ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden, in einer Koje zu schlafen und nicht in einem Bett, morgens durch ein Bullauge zu schauen und nicht aus einem Fenster. Selbstverständlich auch, unterwegs zu sein und nirgends Seepocken anzusetzen.

Einen festen Heimathafen habe ich nicht. Meine schwimmende Blockhütte zur See kann ich einfach mitnehmen, mal hierhin, mal dorthin segeln. Und das ist vielleicht das Erhebendste an dieser ganzen Angelegenheit des Bootslebens. Manchmal muss ich dabei an Herman Melville denken, der schrieb in „Moby Dick“: „Wahre Orte besitzen keine Namen.“

Vorn am Bug gluckern die Wellen ganz nah an meinem Ohr. Das Wasser ist zu hören, hier unten in der Kajüte und vorn auf den Kojen. Ein leises Kleckern am Schiff, ein mittelhohes Geplätscher. Ein gemächliches Plinken und Plonken, manchmal auch ein leichtes Sabschen und Fließen, das ums Boot streicht.

Ich weiß nicht, warum es beruhigt. Aber das Plätschern des Wassers am Rumpf eines Segelschiffs beruhigt.

Nirgends schlafe ich so gut wie an Bord

Ich wollte schon mal einen Schlafforscher kontaktieren. Wie kommt es, dass ich hier an Bord neun Stunden schlafe, in der Stadt nur sechs, sieben? Liegt es am leichten Wiegen und Wanken des Schiffs? Niemand weiß es genau, aber viele kennen das Gefühl. Eine Geborgenheit. Ein hermetischer Frieden.

Es ging mal eine Freundin aus der Stadt an Bord, sie hatte noch nie zuvor ein Segelboot betreten. Alles war ihr fremd, klein, nass und kalt. Wir kamen von der Elbe, segelten über die Ostsee bis nach Dänemark. Sie war vier Tage an Bord, als sie auf eine Geschäftsidee kam.

„Du solltest die Kojen vermieten.“

„Fremde an Bord holen? Das ist mein Boot!“

„Du müsstest nirgends mit ihnen hinfahren, du müsstest ihnen nur eine Wolldecke oder einen Schlafsack geben und sie ein paar Nächte auf deinem Schiff schlafen lassen.“

„Einen Teufel werde ich tun!“

„Doch, dies ist nämlich gar kein Segelboot, das hier ist eine Schlafklinik. Du kannst damit reich werden! Noch nie habe ich so tief, so fest und so lange geschlafen.“

„Liegt an der frischen Luft“, sagte ich. „Und an diesem Schwanken.“

„An der frischen Luft und am Schwanken.“

„Und am Geräusch des Wassers.“

„Und am Rum.“

„Vielleicht liegt es an allem zusammen.“

„Ja, vielleicht.“

Am Ende ist es natürlich ganz einfach. In der Stadt gewöhnt man sich an die Stadt. Ans Sardinenbüchsendasein, mit all seinen Annehmlichkeiten. Auf dem Boot gewöhnt man sich ans Boot. Ans Sardinenleben. An Weite, Wasser, Fernblick. An wenig Menschen.

Segeln, das Weilen auf einem Boot, bedeutet das diametrale Gegenteil zu U-Bahnen, Restaurants, Büros, Wohnungen, Werbung, Autos, Straßen, Ampeln, Talkshows, Fernsehen, Lärm. Wer segelt, muss auf all das verzichten. Das ist, als nehme man ein Messer und schneide das alles in einem Strang ab. Weg ist es, futsch.

Ein schlichtes Boot aus Holz, zwei weiße Segel, eine kleine Kajüte. Was für ein wunderbares Heilmittel gegen eine Welt, die zu großen Teilen aus Hast, Geschrei und Überfluss besteht. Manchmal fragen mich die Leute: Wie lange kannst du dich der Welt entziehen, ohne etwas zu verpassen?

Und dann denke ich gelegentlich im Stillen: Wie lange muss ich mich von dieser Welt bedröhnen lassen, um am Ende alles wirklich Wichtige verpasst zu haben? Und frage mich auch dies: Was ist das überhaupt – die Welt?

Inzwischen bin ich ein wenig durch die Gegend gesegelt. Viermal über die Ostsee nördlich der Kieler Bucht, von der Flensburger Förde in den Fehmarnsund und wieder zurück. Man gewöhnt sich irgendwann auch daran, ein fast elf Meter langes Boot allein zu segeln. Das Boot im Wind zu halten, schnell die Segel zu setzen, zu navigieren, zu reffen. Und schließlich in die Häfen zu fahren und anzulegen.

Immer arbeite ich auch an Bord und reihe die Buchstaben aneinander. Für Artikel, Reportagen, Bücher. Dies ist nun einmal mein Beruf. Zum Glück ist es egal, wo ich ihn ausübe. Ich brauche meist nur meinen kleinen Computer und meinen Kopf. Und ein bisschen Ruhe, die kann nicht schaden.

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