Lore Maria Peschel-Gutzeit : „Mir half immer Wasser mit Whisky“

Lore Maria Peschel-Gutzeit zog drei Kinder alleine groß und hatte Lust auf Macht. Die Pionierin für Gleichberechtigung sagt: Frauen, kommt raus aus den Kuschelecken!

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Frau Peschel-Gutzeit, geht es in Ordnung, wenn ich Sie als Quotenfrau bezeichne?

Ich kann damit sehr gut leben. Das war ja der Grund, warum mir Henning Voscherau nach seinem Wahlsieg 1991 in Hamburg ein Senatorenamt anbot: Er musste einen Parteitagsbeschluss umsetzen, der eine Quote für Frauen enthielt, und schickte seine Späher los, um Frauen zu suchen.

Viele Frauen aus der Wirtschaft scheinen den Begriff ehrenrührig zu finden. Sie lehnen Quoten ab.

Faktisch gibt es in der Wirtschaft eine Männerquote von über 90 Prozent. Was bleibt da anderes übrig als eine gesetzliche Regelung? Und eine alte Erfahrung ist: Wenn etwas geregelt ist und Verstöße vielleicht sogar mit Strafen belegt sind, dann folgen die Männer. Anders übrigens als die Frauen.

Männer sind folgsamer?

Das ist meine Erfahrung in den Führungspositionen, die ich hatte. Ein gutes Beispiel sind Amtsbesprechungen. Ich habe selbstverständlich alle ausreden lassen, es wurden ja auch interessante Sachen beigetragen. Aber irgendwann muss der Mensch zu einem Ende kommen. Also sagte ich nach ein, zwei Stunden: „Wir machen das jetzt mal so und so.“ Die Männer gingen raus und setzten das um. Wenn Frauen mit am Tisch saßen, konnte ich sicher sein, dass sie am nächsten Tag kamen und sagten: „Ich habe über alles noch einmal nachgedacht. Ich glaube, wir machen das anders.“

Frauen sind bedächtiger?

Ich will darauf hinaus, dass viele Frauen Schwierigkeiten damit haben, zu erkennen, wenn eine Sache entschieden ist: dass es dann auch mal gut ist. Sie können ja vorher alle ihre Bedenken äußern.

Wie erklären Sie das unterschiedliche Verhalten?

Ich habe immer wieder festgestellt: Männer haben ein absolutes Gespür für Hierarchien. Das ist ihnen über Jahrtausende eingeimpft worden. Als die Männer noch gemeinsam jagten, musste einer vorangehen, die Gefahren erkennen, und die anderen folgten ihm. Gehorsam sicherte das Überleben. Bis heute weiß jeder Mann, wer der Oberhäuptling ist. Mit Oberhäuptling kann auch der Gesetzgeber gemeint sein. Frauen haben hingegen nie gelernt, Hierarchien als notwendige Struktur zu akzeptieren, um gemeinsam ein Ziel zu erreichen.

Wenn die Menschheitsgeschichte, wie Sie sagen, den Geschlechtern derart eingeschrieben ist – warum finden Sie sich, obwohl Sie eine Frau sind, dann so gut in Hierarchien zurecht?

Ich habe es gelernt, ich musste es lernen.

Sie fingen 1960 am Hamburger Landgericht an. Wie war dort der Stand der Emanzipation?

Es war ein reiner Männerbetrieb. Bezeichnend war, als ich nach einigen Jahren in die Pressekammer wechseln wollte. Ich meldete mein Interesse an, doch es hieß nur: „Das können Sie vergessen, Herr Engelschall“, so hieß der Vorsitzende der Kammer, „nimmt keine Frauen“. Ich bat Engelschall um eine Begründung. Er druckste herum. Das ist oft so: Wenn man einen Mann mit seiner Frauenfeindlichkeit konfrontiert, hält er es im persönlichen Gespräch nicht durch. Schließlich sagte er: „Frauen können schwanger werden.“

Der Hintergedanke ist heute noch verbreitet, dass Frauen, sobald sie eingearbeitet sind, schwanger werden. Es würde nur keiner mehr offen sagen.

In den 60er Jahren arbeiteten viele Kriegsheimkehrer in der Justiz, die lädiert waren. Im Richterberuf unterschied sich der Krankenstand zwischen Männern und Frauen eklatant. Ich habe damals so argumentiert: „Jetzt rechnen Sie mal eine Schwangerschaft gegen einen Herzinfarkt auf. Abwesend ist abwesend.“

Foto>: Mike Wolff
Lore Maria Peschel-Gutzeit, 82, war eins Senatorin für Justiz in Berlin und arbeitet dort heute noch als AnwältinFoto: Mike Wolf

Bis heute driften die Karrierewege von Männern und Frauen auseinander, wenn Kinder kommen.

Manche Frauen meinen, eine Alternative zu haben zwischen anstrengendem Beruf und Familienarbeit. Männer haben die Alternative nicht. Sie wissen, dass sie ein Leben lang arbeiten müssen. Doch nirgends steht geschrieben, dass ein Mann eine Familie ernähren muss. Frauen sind heute genauso gut ausgebildet. Die Zeit des Alleinernährers ist vorbei. Jetzt haben beide viel mehr Flexibilität.

Haben Sie selbst in Teilzeit gearbeitet?

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