Maria Furtwängler im Interview : "Slut Shaming habe ich ganz früh gelernt"

Keiner mag die Quote, sagt sie. Warum Maria Furtwängler trotzdem für sie kämpft - wenn die Schauspielerin nicht gerade Arien schmettert mit Ursula von der Leyen. Ein Interview.

Deike Diening
Die Schauspielerin Maria Furtwängler. "In der Seele bin ich traditionell", sagte sie im Tagesspiegel-Interview.
Die Schauspielerin Maria Furtwängler. "In der Seele bin ich traditionell", sagte sie im Tagesspiegel-Interview.Foto: Caroline Seidel/dpa

Frau Furtwängler, Sie sind eine treue Seele. Als Sie Ihren Mann kennenlernten, waren Sie 19, „Tatort“-Kommissarin wurden Sie mit 35, viele Freundinnen haben Sie seit Jahrzehnten …

… das nehme ich mir nicht extra vor, aber ja, ich bin sehr beständig. In der Seele bin ich traditionell, wenn man so will.

Sind Sie eine gute Freundin?

Ja. Ich habe ein Gespür dafür, wenn es jemandem nicht so gut geht. Und dann gilt eben: da sein, Präsenz zeigen. Eine Gefahr ist, dass man sich zu sehr identifiziert und seine eigene Meinung reinmanscht. Ich mag es nicht, wenn Menschen das bei mir machen und vermeide es deshalb, ungebetenen Rat zu geben. Man braucht nur jemanden, der die richtigen Fragen stellt.

Die Hausfrau Rebecca, die Sie gerade im Theater am Kurfürstendamm spielen, hält krampfhaft an ihren Lebenslügen fest, obwohl Mann und Sohn sie längst verlassen haben. Ihre beste Freundin erschießt sich dort im Badezimmer.

Rebecca hat sicher nicht die richtigen Fragen gestellt. Sie will nicht wahrhaben, dass ihre Freundin ihren Mann umgebracht hat. Totale Verdrängung.

Verdrängung kann eine Überlebenshilfe sein.

Unbedingt. Die grundvergnügten Menschen, die ich kenne, sind alle gute Verdränger. Die sind fähig, unangenehme Dinge im Leben auszublenden und stehen leichten Herzens jeden Morgen auf.

Wo verläuft die Linie zwischen positiver Verdrängung und Ignoranz?

Ich bin eher kein Verdränger und neige dazu, etwas wieder und wieder zu durchdenken. Doch das nimmt ab: Es ist nicht mein Job, Eigenheiten an Freundinnen, am Partner und den Kindern zu ändern. In dem Maße kann ich auch verlangen, dass meine Charaktermacken akzeptiert werden.

Was würden Sie denn als Ihre Macken bezeichnen?

Ich bin nicht leicht zufrieden mit mir, habe immer 1000 Gründe gefunden, warum meine Arbeit vielleicht doch nichts wert ist. Das Theater ist sehr schön, weil der Applaus bislang überraschend herzlich war. Das anzunehmen, zu sagen „ja, das habe ich gut gemacht – schön, Maria!“, lerne ich gerade.

Maria Furtwängler

Sie ist Ärztin und Schauspielerin. Ihr soziales Engagement reicht von der Armutsbekämpfung bis zur Darmkrebsfürsorge. Als Kommissarin Charlotte Lindholm ermittelt sie im „Tatort“, zurzeit ist sie auf der Bühne zu sehen: in „Alles muss glänzen“ im Theater am Kurfürstendamm. Sie ist seit 25 Jahren verheiratet mit Hubert Burda und hat zwei erwachsene Kinder. Wir treffen sie im tiefen, Graffiti-geschmückten Kreuzberg. Hier wohnt Maria Furtwängler immer, wenn sie in Berlin ist. Holz, Kunst und Duftkerzen nicht weit vom Görlitzer Park, die Konzentration nur unterbrochen vom Lärm der gelegentlich ausrückenden Feuerwehr. Andere würden für ein anstehendes Gespräch vielleicht die Arme verschränken. Maria Furtwängler kreuzt auf ihrem hellgrünen Sofa die Beine in den Schneidersitz.

Maria Furtwängler als Rebecca in "Alles muss glänzen" im Theater am Kurfürstendamm.
Maria Furtwängler als Rebecca in "Alles muss glänzen" im Theater am Kurfürstendamm.Foto: imago/Martin Müller

Unzufriedenheit ist ein Zeichen für das Streben nach Qualität. Wenn man nicht an die Möglichkeit des Besseren glaubt, würde man nicht herumkritteln.

Jaha, dieses Permanent-verbessern-Wollen! Frauen sind dafür anfällig. Ich war neulich bei einer Veranstaltung, da stand ein Mann auf der Bühne, der erzählte zwischen den Performances von sich – eine ziemliche Selbstbeweihräucherung. So eine Form von kritiklosem Von-sich-hingerissen-Sein habe ich noch nie bei einer Frau erlebt.

Frauen sind punktuell eitel?

Ja. Eine intellektuelle Eitelkeit – oder wegen ihres Aussehens. Manchmal frage ich mich, was ist besser? Eitle Männer schaffen es, ihre Ziele zu erreichen, Leute an sich zu binden. Ich finde das irritierend, aber zugleich faszinierend. Da entsteht trotz allem eine mitreißende Energie. Ich dagegen sage eher: „Nee, ist nicht so gut, komm mal nicht in mein Stück, ich hätte es schon besser machen können. Läuft auch im falschen Theater.“

Das sagen Sie nicht!

Ein Teil von mir neigt zu so was. Als von mir selbst berauschter Mann würde ich jetzt rausgehen und sagen: (lässt die Stimme tief fallen) „Das ist das geilste Stück, in dem ich je gespielt habe. Die Leute sind atemlos. Neulich sind wieder drei in Ohnmacht gefallen.

Oh, es wirkt schon.

Unglaublich! Mein Mann sagt übrigens, wenn er von einem seiner Vorträge redet: „Ganz München kommt zusammen.“ Diese Grundeinschätzung hätte ich auch gerne mal. Uns Frauen hindert diese innere Hürde daran, unkontrolliert zu sein und Spaß zu haben. Ohne auf das Resultat zu schielen. Das ist jetzt meine große Leidenschaft bei diesem Theaterstück: Spaß zu haben. Scheiß drauf!

Ihr Kollege Ludger Pistor sagte mal, man brauche als Schauspieler eine Krise. „Sonst wird das nix.“

Bei jeder Produktion gibt es einen Tiefpunkt. Da schreit man, knallt die Türen. Bei „Alles muss glänzen“ war es heftig. Ich glaube, das kommt von dem Bestreben, es allen recht machen zu wollen. Der Regisseur will Sachen, die man nicht gut findet, und man tut sie gegen den eigenen Willen. Irgendwann kulminiert das in akuter Unzufriedenheit.

Vertragen Sie sich dann wieder?

Absolut. Ich bin jemand, der sich gut streiten kann, aber ich bin null nachtragend und bitte um Verzeihung. Dafür ist dieser Beruf gut: Schauspielerei ist der Kontrollverlust mit Genehmigung.

Das gilt auch für die Abgründe innerhalb der Rolle?

Klar. Das Schöne ist, man durchlebt sie im Schutze der Rolle. Ich werde natürlich den Teufel tun, zu sagen, da habe ich mit meinem Sowieso-Komplex gearbeitet. Der Zuschauer muss nicht wissen, ob ich da jetzt mit meinem  Problem mit meinem Vater zugange bin, wenn ich mit diesem Verbrecher rede. Das geht den nichts an.

39 Kommentare

Neuester Kommentar