Maris Hubschmid traut sich was : Den Spießer rauslassen

Wie unsere Kolumnistin einmal trotz Gratis-Sterni die 110 rief.

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Maris Hubschmid traut sich was
Maris Hubschmid traut sich was.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Vor fünf Jahren bin ich aus Hamburg nach Berlin gezogen. Der Kulturschock ist da inbegriffen, manche sagen: die Typveränderung auch. Das Schicksal wollte es, dass ich gegenüber einem besetzten Haus einzog, und einer Institution namens „Bier und mehr Bier“.

In den Jahren, die ich hier lebe, habe ich gelernt, dass „Molle“ „Pulle“ heißt und „soofen“ „saufen“, und dass die Übersetzung von „Bier und mehr Bier“ „Lärm und mehr Lärm“ ist. Bis 21.30 Uhr ist es ruhig in meiner Straße, dann fließen Sternburger und Urin, manchmal auch Tränen und Blut. Dieses Freiheitsverständnis wird begleitet von Bass und Fäkal-Ausrufen. Das anfänglich befriedigende Gefühl, aus der Bürgerlichkeit des hanseatischen Quartiers mitten hinein in den Szenekiez gezogen zu sein, schwand schnell.

Plötzlich Yuppie-Schlampe

Etwas anderes wuchs in mir heran: der Spießer! Der Spießer wünschte sich, morgens nicht durch Scherben und Erbrochenes laufen zu müssen. Vor allem aber wünschte er sich Schlaf. Er erinnerte sich genau daran, dass ich vor der Feier zu meinem 18. Geburtstag in Hamburg vorsorglich Ohropax im Haus verteilt hatte – an eine Welt, in der Nachbarn Rücksicht aufeinander nehmen. Der Spießer ermunterte mich, das Gespräch zu suchen. Bei der Gelegenheit lernte ich, dass es in Berlin sogar einen eigenen Begriff für Spießer gibt: „Yuppie-Schlampe“.

Ruf die Polizei, sagte der Spießer. Aber der bloße Gedanke beunruhigte mich zutiefst. Wer heute eine Ruhestörung anzeigt, verbietet morgen Nachbarskindern, auf dem Rasen zu spielen. Ich hatte Angst, meine Selbstachtung zu verlieren – und ein bisschen auch, irgendjemand könnte mir das Recht absprechen, im hippen Berlin zu leben, wenn ich wegen Partylärms die Polizei riefe. Niemals, entschied ich. Ich ertrug und litt.

Einmal Spielverderber, immer Verräter

Heiße Nächte kamen, in denen mit der Luft die Stimmung auf der Straße weiter anschwoll. Mein nächster Gesprächsversuch brachte mir mein erstes Gratis-Sterni ein: Man warf es mir hinterher. Der Spießer hatte da die 110 schon gewählt. Ich hätte lediglich noch die Taste mit dem kleinen grünen Telefon drücken müssen.

Aber ich brachte es einfach nicht über mich. Die Leute gegenüber, ja die gesamte Straße würde erfahren, wer der Spielverderber ist, malte ich mir aus. An jenem Abend schlief ich das erste Mal in der Küche, dem einzigen Raum, der nach hinten rausgeht.

Dann kam die eine Nacht, die alles bisher Gekannte übertraf. Statt 20 Feiernden und Streitenden grölten da 80 vor unserem Haus. Ich hörte den Lärm in allen Zimmern. Am folgenden Morgen sollte ich ein Interview führen. Zweieinhalb Stunden rang ich mit mir.

Ernüchtert und erniedrigt

Als ich die Anwähltaste drückte, begannen meine Knie zu zittern. Kaum wagte ich, meinen Namen zu nennen. Zuallererst entschuldigte ich mich am Telefon wortreich dafür, dass ich anrief. Ich sei ja viel gewohnt, aber … „Dit gloob ick, dat dit da laut ist“, sagte der Diensthabende, als ich ihm die Hausnummer nannte. Er wolle sehen, dass er jemanden schicke.

Ich habe hinter der Gardine gestanden und darauf gewartet, dass die Szenerie endlich in Blaulicht getaucht wird. Ich wollte enttäuschte Gesichter sich erheben, Türen ins Schloss fallen sehen. Es dauerte länger, als ich dachte. Nach zehn Minuten war die Streife noch nicht da. Nach 20 auch nicht.

Die Polizei ist nicht gekommen. Die Erniedrigung war perfekt. Als Denunziantin schlief ich irgendwann vor dem Fenster ein.

Ich habe mich nicht sofort getraut, darüber zu sprechen. Das Geschilderte ist schon ein Weilchen her. Erst heute bin ich bereit, mich zu offenbaren – jetzt, wo ich weggezogen bin.

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