Maris Hubschmid traut sich was : Ein irrer Duft von frischen Füßen

In Berlin essen gehen heißt: Ausgefallen essen gehen! Eine Begegnung mit Hühnerfüßen und Seidenraupen.

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Tagesspiegel-Redakteurin Maris Hubschmid ist auch in kulinarischer Hinsicht furchtlos.
Tagesspiegel-Redakteurin Maris Hubschmid ist auch in kulinarischer Hinsicht furchtlos.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Toll an Berlin ist auch die kulinarische Vielfalt. Die Welt liegt vor der Haustür, und wenn man will, direkt auf der Zunge. Kommt Besuch aus der Kleinstadt, wünscht er sich, mal beim Koreaner oder Marokkaner einzukehren. Da können wir nur übersättigt gähnen. Wer beeindrucken will, muss schon mit Extremerem aufwarten.

„Ich nehme die Hühnerfüße und die frittierten Seidenraupen.“ Der Kellner des „District Mot“ in Mitte sieht von seinem Notizblock auf. „Mutig“, sagt er und mustert mich. „Schmeckt es so schlimm?“, frage ich. „Ich weiß nicht“, sagt er, „ich habe beides noch nie gegessen.“ – „Aber schon serviert?“ – „Ich glaube nicht.“

Schnecken, Froschschenkel? Kein Problem!

Ist der neu hier? Zwei Kolleginnen hatten mir versichert, Hühnerfüße zu knabbern, sei groß im Kommen. Tatsächlich finden sich im Internet auf Anhieb mehrere Adressen. Ich bin beim Essen experimentierfreudig. Wachteln, Schnecken, Froschschenkel ekeln mich nicht. Und es gibt klare Argumente dafür, Hühnerfüße zu essen. Wenn man Tiere verzehrt, ist es ethisch gesehen anständiger, alles zu verwerten. Hirn, Leber, Niere – wieso nicht auch Füße? Doch Hühnerfüße werden containerweise nach Asien verschifft, weil Europäer und Amerikaner sich zu fein sind für anderes als Brust und Keule. Eine höhere Akzeptanz des Hühnerfußes würde die Umwelt schonen.

Füße finde ich per se nicht appetitlich, assoziiere Hornhaut, Fußschweiß und -pilz. Füße gehen durch den Dreck, Hühnerfüße haben Krallen, Krallen tun weh. Die drei Hühnerfüße in meinem Schälchen sind erstaunlich groß. Und sehen ziemlich unverarbeitet, unangenehm fußig aus. Huch, habe ich versehentlich die Reste eines anderen Gastes bekommen? Das, was ich mir da in den Mund geschoben habe, ist hart, gnupschig. Gehört das so? Ich hole das Smartphone raus. „Hühnerfüße sind ein naturbelassener Kausnack aus 100 Prozent Hühnerfleisch.“ Ich starre auf meinen Teller. Ich würde mal diagnostizieren: null Prozent Fleisch. „Ein leckerer, fettarmer und knorpeliger Kauspaß für Groß und Klein.“ Wenn da irgendetwas wie Geschmack anhaftet, dann vom Frittierfett. „Beim Zerkauen werden gleichzeitig die Zähne von Belägen befreit, das Zahnfleisch massiert und die Kaumuskeln gekräftigt.“ Dem Berlin-Mitte-Menschen traue ich zu, dass er ein Abfallprodukt verklärt, weil es ganz bio die Zahnseide ersetzt. Aber ups, das ist die Seite des Futtercenters Spandau.

Die Raupen spucke ich sofort wieder aus

Bleiben die Seidenraupen. Insekten habe ich bis dato keine gegessen, doch ich habe mal gelesen, jeder Mensch schlucke schlafend im Laufe seines Lebens fünf Spinnen. Ins Dschungelcamp würde ich nicht einziehen, aber als Kind habe ich mir öfter vorgestellt, wie ich allein im Urwald überleben würde. Raupen haben reichlich Proteine, ein echtes Superfood. Wer nicht genau hinsieht, könnte die vielleicht drei Dutzend Stück in meinem Schälchen für irgendetwas Kleingeschnittenes halten. Hier rechne ich gar nicht erst mit nennenswertem Eigengeschmack. Und spucke die erste Ladung sofort wieder aus: „Mit welchem Gewürz sind die angemacht?“, will ich vom Kellner wissen. Bloß in Butter gebraten, versichert er. Ist das zu glauben, dass dieses kleine Getier so heftig schmeckt, so herb? Ich schiebe mir noch eine Gabel rein. Alles in mir zieht sich zusammen. Widerlich. Und schnappe den Kokos- Ananas-Minz-Shake meiner Begleitung zum Spülen.

„Und? Wie war es?“, erkundigt sich der Kellner beim Abräumen. „Also, ich würde es mir nicht wieder bestellen“, sage ich. Als wir das Lokal verlassen, klebt immer noch der penetrante Geschmack im Gaumen. Wir kommen bei Curry Mitte vorbei. Das Tolle an Berlin ist ja seine kulinarische Vielfalt.

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