Martin Kippenberger zum 20. Todestag : Die Kunst war sein Leben

Heute vor 20 Jahren, am 7. März 1997, starb der Künstler Martin Kippenberger. Hier erinnert sich Tagesspiegel-Redakteurin Susanne Kippenberger an ihren Bruder.

Martin Kippenbergers Ausstellung "Sehr gut very good" im Hamburger Bahnhof.
Martin Kippenbergers Ausstellung "Sehr gut very good" im Hamburger Bahnhof.Foto: Mike Wolff

Nein, normal war er nie. Er hat gebrannt, wie die Zigaretten, die er selten aus der Hand legte. "Hallöchen!", begrüßte er morgens die Rentnerband in der Äppelwoikneipe in Sachsenhausen. Mit "Hallöchen!" stand er ein paar Stunden später in der Tür von Bärbel Grässlins Galerie, um sich Begleitung fürs Mittagessen zu holen. "Hallöchen!", rief er nach dem Mittagsschlaf (der war heilig) ins Telefon, damit es weiterging. Nudelessen, Unterhaltungsprogramm, Arbeit und Tanz bis in den Morgen. Um sieben Uhr früh stand er dann stramm im Hotel Chelsea in Köln und machte Hallöchen auf Chinesisch; eben noch hatte er um die Putzfrau herumgetanzt, nun begrüßte er die chinesischen Hotelgäste auf ihre Art: die Hände vor der Brust gefaltet, jeden mit einer Verbeugung.

Nicht, dass sie den Witz verstanden hätten. Aber er hat seinen Spaß gehabt. Und ein paar Stunden später wieder gearbeitet. Seine Begleiter haben gelacht und gelitten. Wer nachts unterwegs war mit ihm, der wusste, er kommt nicht mehr ins Bett, da war Martin gnadenlos. Auch das konnte er sein: ein Tyrann. Wenn schon leiden, dann nicht alleine.

Allein zu sein, hat er nicht aushalten können. "Große Wohnung nie zu Hause" heißt ein Bild. Sobald er irgendwo hingezogen war - und er zog ständig von einer Stadt in die andere, von Hamburg nach Berlin nach Florenz nach Stuttgart nach St. Georgen nach Köln nach Wien nach Sevilla nach Carmona nach Teneriffa nach Frankfurt nach Los Angeles ins Burgenland -, suchte er sich sofort ein Stammlokal, das für ihn Wohn- und Esszimmer war, Büro, Museum, Atelier und Bühne. Sein Heimathafen war die Paris Bar in Berlin, deren Wirt, Michel Würthle, sein bester Freund.

Er hat fast sein ganzes Leben zu Kunst gemacht

Das vermeintliche Herumhängen in Cafés, das war "Austausch, Austausch, Austausch", sagt Gisela Capitain, seine Galeristin und Nachlassverwalterin. Als "Spiderman", wie er sich selbst porträtierte, hat er überall Netze gesponnen, Tag und Nacht und überall, "Martin war immer im Dienst": Wahrheit ist Arbeit. Auch diese Grenze hat er überschritten, die zwischen Leben und Kunst, zwischen sich und den anderen. "Mich gibt es halt insgesamt und immer sehr eindeutig als lebendes Vehikel." Jedes Fest war ein Fest, aber zugleich Bühne und Rohstoff für neue Werke.

Deswegen ist die Frage auch so schwer zu beantworten: Wer mein Bruder war.

Der Mensch lässt sich vom Künstler nicht trennen, fast sein ganzes Leben hat er zu Kunst gemacht. Die Künstler, mit denen er zusammengearbeitet hat, Albert Oehlen, Werner Büttner, Meuser, Hubert Kiecol, Michael Krebber, Uli Strothjohann und viele andere, waren seine Freunde, ebenso wie seine Galeristen, Max Hetzler zum Beispiel, Bärbel Grässlin und Gisela Capitain.

Und doch war gerade das ein Fehler, den viele begingen: nicht zu trennen zwischen Künstler und Mensch. Sie verwechselten Pose mit Position, Provokation mit Haltung - und hielten ihn für einen Rassisten, Chauvinisten, Schwulenhasser. Er hat den Leuten den Spiegel vorgehalten, die Wahrheit laut ins Gesicht gesagt, das hat weh getan und sollte es auch, das war für ihn der Sinn der Kunst. Er selber hat klar getrennt. "Du kannst Dich benehmen wie 'n Arschloch, aber du sollst es auf keinen Fall sein."

Die Kunst war nicht Abbild seines Lebens, sie war sein Leben.

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben