Meine Frau, ihr GARTEN…und ich : Unfreiwillige Bewährungshelfer

Meine Frau ist nicht ganz gerecht.

von
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Pflanzen, die ihr nicht gefallen, die Fehlkäufe, oder die, die sich nicht entwickeln, wie sie sollen – nein, die fliegen nicht raus, jedenfalls nicht gleich, die kommen erst einmal in die 1b-Lage zur Bewährung. Und die ist vor dem Haus, dort wo wir nicht so oft hingucken. Die 1a-Lage, die sieht man von der Terrasse aus, die bleibt ihren Lieblingen vorbehalten.

Stört mich nicht. Unsere Nachbarin freilich, die hat schon mal gesagt: „Also Ihr Vorgarten…“ Gut, der ähnelt inzwischen der Resterampe im Gartencenter, ist ein bisschen aus dem Ruder gelaufen.

Nun aber die große Chance: Wir sollten einen Gasanschluss kriegen. Dafür muss eine Grube ausgehoben werden, mitten durch den Vorgarten. Nachdem ich gesehen hatte, wie das bei den Nachbarn vorn an der Ecke lief, wusste ich, das würde alles ändern. Zehn Stunden lang hatten wir keinen Strom mehr, weil dort das Anschlusskabel für alle gleich mit ausgebuddelt wurde. Als der Graben endlich fertig war, sah deren Vorgarten aus, als hätte jemand zum 100. Gedenken den Ersten Weltkrieg nachstellen wollen.

Kein Kraut würde dem gewachsen sein. Nicht das Sonnenauge, ein gelb blühendes Etwas, das meine Frau mal an irgendeiner Laterne ausgegraben hatte. Sie brachte es einfach mit, das Sonnenauge entwickelte sich bei uns zum veritablen Gestrüpp. Auch nicht der alte Rhododendron, dessen Blüten immer fadenscheiniger wurden. Nicht die Deutzie, die ihre Chance immerhin genutzt hatte, nachdem sie an der Terrasse nicht in die Gänge kam und vorn aufblühte. Vor allem aber nicht die von mir gehasste Yucca aloifolia, auch Spanisches Bajonett genannt wegen ihrer messerspitzen Blätter, an denen man sich böse Wunden reißen kann. Oder die beiden Koniferen, die unserem Vorgarten eine Anmutung von Friedhof geben, aber schon immer dort wuchsen. Wahrscheinlich wären sie mit ihrem alten Wurzelwerk nur in tagelanger Arbeit zu beseitigen.

Dann war es so weit. Die Arbeiter sollten vormittags kommen, abends wäre alles erledigt. Ich freute mich und meine Frau wohl auch: die Chance auf einen Neubeginn im nächsten Frühling, wie schön.

Im Dunkeln kam ich nach Hause und sah erst einmal nichts. Im Licht der Taschenlampe wurde es nicht besser: Ein zierlicher Kanal, haarscharf am Bajonett vorbei. Ich hätte die Leute vielleicht nicht vor dem Ding warnen sollen, bestimmt wäre dann jetzt kein Stängel mehr übrig. Das Sonnenauge war unangetastet, die eine Konifere auch, die andere vorsichtig ausgegraben und mit komplettem Wurzelballen geradezu liebevoll auf der anderen Seite abgelegt. Daneben der Rhododendron. Beide schauten uns nun an, als würden sie signalisieren, lasst uns nicht hier liegen, das haben wir nicht verdient.

Ja, auch Pflanzen haben eine Seele. Soll doch meine Frau entscheiden, was wird. Ich halt’ mich da raus.

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