Menschen gegen Roboter : "Der Evolution ist ja egal, ob wir glücklich sind"

Darf man humanoiden Robotern Gewalt antun? Wenn der erste von ihnen Bürgerrechte fordert, ist es zu spät, sagt der Neuroethiker Thomas Metzinger. Warum humanoide Roboter bei uns "soziale Halluzinationen" erzeugen und was das mit unserer Psyche macht.

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Dolores, eine der Hauptfiguren in der SciFi-Westernserie "Westworld", ist ein Android.
Dolores, eine der Hauptfiguren in der SciFi-Westernserie "Westworld", ist ein Android.Foto: HBO

Herr Metzinger, in japanischen Hotels werden bereits humanoide Roboter als Concierges eingesetzt, US-Firmen haben kürzlich eine neue Generation von Sexpuppen vorgestellt, die sprechen und auf Berührung reagieren können. Werden Roboter uns immer ähnlicher?

In Bereichen, in denen Menschen mit Maschinen interagieren, werden wir solche humanoid aussehenden Schnittstellen zunehmend erleben. Das ist zwar nur ein kleiner Teil der Robotik, aber was diese anthropomorphen Interfaces angeht, ist die Technik inzwischen sehr weit. Im Labor können wir in 20 Minuten Ihren Kopf vermessen und aus den Daten einen fotorealistischen Avatar erstellen, wir können ihm Blickfolgebewegungen und emotionale Gesichtsausdrücke geben. Wenn wir dazu von Ihrem Handy Audiodaten klauen, kann der sogar sprechen wie Sie. Bei der Videotelefonie wäre Ihr Avatar von Ihnen nicht mehr zu unterscheiden.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Bild, das der Mensch von sich hat und entwirft. Sehen Sie als Neuroethiker Probleme, wenn unsere Fahrkartenautomaten bald aussehen wie Schalterbeamte?

Ich fürchte, dass diese humanoiden Roboter in den allermeisten Fällen der Konsumentenmanipulation dienen werden. Schließlich wird der Roboter ja auch Ihre Mimik analysieren und anfangen zu verstehen: Langweilt sich der Kunde? Was will er eigentlich hören?

Und das kann die Maschine nutzen?

Wir besitzen im Gehirn sogenannte Spiegelneuronen. Wenn ein Mensch Sie anlächelt, dann ahmen Sie das mit ihrer Gesichtsmuskulatur unterschwellig nach. Das kann man zur Beeinflussung nutzen. Menschenähnliche Roboter verschleiern, dass sie in erster Linie nicht unseren, sondern den Interessen ihrer Programmierer verpflichtet sind. So wie Googles Algorithmus seine Treffer auch nicht für die Nutzer, sondern für seine Werbetreibenden optimiert. Wenn Sie eine Maschine aber unwillkürlich nett finden, dann buchen Sie vielleicht noch ein Upgrade, weil sie so ansteckend lächelt.

Aber ich weiß doch, dass ich es mit einem Roboter zu tun habe.

Vielleicht auch nicht. Humanoide Roboter lösen etwas in uns aus, was ich „soziale Halluzinationen“ nenne. Wir Menschen haben die Fähigkeit, uns einzubilden, es mit einem selbstbewussten Gegenüber zu tun zu haben, auch wenn das nicht der Fall ist. Davon gibt es Vorstufen: Kinder und Naturvölker glauben oft an eine beseelte Natur. Wenn der Computer spinnt, brüllen wir ihn an. Andere Menschen lieben ihr Auto oder vermissen ihr Handy.

Thomas Metzinger

Thomas Metzinger, 59, empfängt in einem Büro an der Uni Mainz. Metzinger leitet den Arbeitsbereich Theoretische Philosophie, ist Direktor der MIND Group und der Forschungsstelle Neuroethik. Von 2005 bis 2007 war er Präsident der Gesellschaft für Kognitionswissenschaft. Sein Schwerpunkt ist die Erforschung des menschlichen Bewusstseins. Metzinger sagt, dass wir weder so etwas wie ein Selbst noch eine Seele besitzen, sondern nur ein „Selbstmodell“ im Kopf, das wir nicht als Modell erleben. Eine Theorie, die er in dem Buch „Der Ego-Tunnel“ (Piper) auch für Laien verständlich ausführt.

 

"Die Künstliche Intelligenz konfrontiert uns auch mit uns selbst", sagt Metzinger.
"Die Künstliche Intelligenz konfrontiert uns auch mit uns selbst", sagt Metzinger.Foto: promo

Klingt plemplem.

Ist aber evolutionär sinnvoll. Stellen Sie sich vor, Sie sind nachts in einem dunklen Wald. Im Gebüsch raschelt es. Überlebt haben natürlich die, die da zehnmal eher ein Raubtier halluziniert haben, als die, die das einmal verpasst haben. Die Evolution belohnte hier in gewissem Sinn Verfolgungswahn. Und deshalb haben wir Menschen auch heutzutage noch so oft irrationale Ängste. Der Evolution ist es ja egal, ob wir glücklich sind.

Trotzdem vermeiden einige Hersteller bewusst, ihre Roboter zu sehr wie wirkliche Menschen aussehen zu lassen. Der deutsche „Roboy“ zum Beispiel sieht mit seinem Kindchenschemakopf eher aus wie Caspar, das freundliche Gespenst.

Wirkt der Roboter zu echt, finden das viele Menschen tatsächlich gruselig. Forscher nennen diese Grauzone „uncanny valley“, das unheimliche Tal. Das ist wie in einem Horrorfilm. Wenn wir merken, da schaut uns etwas an, das eigentlich tot ist, rührt das an Urängste.

Der humanoide Roboter "Roboy" kann Hände schütteln, sprechen und zahlreiche Emotionen zeigen.
Der humanoide Roboter "Roboy" kann Hände schütteln, sprechen und zahlreiche Emotionen zeigen.Foto: Daniel Karmann/dpa

Tatsächlich beschäftigt das Thema Roboter den Menschen seit Jahrtausenden. Bereits in der Ilias erschafft Hephaistos automatische Dienerinnen. Wie erklären Sie diese Faszination?

Ein Motiv ist sicher der Wunsch, selbst ein wenig Gott zu spielen. Außerdem dürfte die Angst vor dem Tod ein wichtiger Punkt sein. Mit dem Transhumanismus ist ja jetzt auch eine neue Form der Religion entstanden, die ohne Kirche und Gott auskommt, aber trotzdem als Kernfunktion die Sterblichkeitsverleugnung anbietet. Roboter und vor allem Avatare suggerieren die Hoffnung, wir könnten den Tod besiegen, indem wir einst in künstlichen Körpern weiterleben. Für manchen Forscher wäre es aber auch das Allergrößte, wenn es ihm als Erstem gelänge, einen Roboter mit menschlicher Intelligenz oder gar Bewusstsein zu entwickeln.

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