Michelberger Hotel : Hier findet mich keiner

Berlin ist eine Reise wert. Wobei: Wird das Wetter fies, möchte man sich am liebsten verstecken. Das klappt im Michelberger gut.

Stefanie Golla
Wohnzimmerflair. In der Lobby im Michelberger Hotel können Gäste auf großen Sofas lümmeln.
Wohnzimmerflair. In der Lobby im Michelberger Hotel können Gäste auf großen Sofas lümmeln.Foto: S. Golla

Nicht der beste Tag für einen Kurzurlaub in Friedrichshain: Es nieselt, schon den ganzen Tag. Herbst in Berlin, fieser Herbst, und über die Warschauer Brücke fegt ein kalter Wind – kein Wunder, dass alle hier im Laufschritt auf die eine oder andere Seite eilen.

Bloß runter von der Brücke. Bloß verstecken. Ich ziehe meine Mütze tiefer ins Gesicht und suche das Hotel, das sich direkt gegenüber vom U-Bahnhof Warschauer Straße befinden soll. Ins Auge fällt ein großes Baugerüst vor einem riesigen Gebäudeensemble, das wie eine Festung seltsam abgehackt auf diesem letzten Streifen Friedrichshain vor der Oberbaumbrücke steht. Meist läuft man auf dem Weg zum RAW-Gelände oder zum Schlesischen Tor achtlos daran vorbei.

Wer weiß schon, dass er ein Denkmal aus dem Fin de Siècle passiert? Der so genannte Industriepalast wurde 1906 nach Plänen des KaDeWe-Architekten Johann Emil Schaudt erbaut. Heute bieten Delis und Spätis in den großzügigen Ladenflächen den Vorbeieilenden auf der Warschauer Straße reichlich Stoff to go. Dazwischen das Michelberger.

Es gibt keine Fenster, aber das stört nicht

In der Lobby, die eher einem Wohnzimmer gleicht, lümmeln überwiegend junge Menschen mit Smartphone und Laptop auf großen Sofas. Wer Gast ist und wer Gastgeber, ist auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden. Die Angestellten kommen aus der ganzen Welt und sprechen Englisch.

In einem "Hideout"-Zimmer duftet es angenehm nach Holz.
In einem "Hideout"-Zimmer duftet es angenehm nach Holz.Foto: S. Golla

Im Hotel gibt es 51 „Cosy Rooms“ (zwölf Quadratmeter, ab 84 Euro), mein Bedürfnis nach Flucht muss mir jedoch überdeutlich anzusehen sein, denn ich bekomme stattdessen ein sogenanntes „Hideout“ zugewiesen.

Als ich die Zimmertür öffne, bin ich im ersten Moment irritiert, denn obwohl das Zimmer groß ist, steht außer einem Tisch mit frischen Blumen und einer einladenden Couch nicht viel drin. Es duftet angenehm nach Holz.

In der Zimmerwand sind kaum sichtbare Holztüren eingelassen. Hinter der ersten Tür verbirgt sich eine kleine Küche. Tür zwei gibt eine überdimensionale Badewanne preis, außerdem einen weiteren Durchgang mit großzügiger Schlafnische, dahinter ein Flur, der zum Bad, zur Sauna und zu einem weiteren Schlafzimmer führt. Es gibt keine Fenster, aber das stört nicht, im Gegenteil. Die regennasse Stadt ist plötzlich weit weg.

Soll ich mich wirklich nochmal raus wagen? Eigentlich wollte ich die East Side Gallery entlanglaufen. Aber ich schaffe es gerade noch, dem hauseigenen Restaurant einen Besuch abzustatten und mir einen Drink an der Bar zu ordern, dann verkrümele ich mich wieder in meinem Versteck. Hier findet mich so schnell keiner.

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