Das Potsdamer Edikt war ein Erfolg

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Migration im 17. Jahrhundert : Réfugiés welcome: Was die Hugenotten nach Berlin brachte
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Der Frannzösische Dom auf dem Gendarmenmarkt wurde zwischen 1701 und 1705 für die Hugenotten errichtet.
Der Frannzösische Dom auf dem Gendarmenmarkt wurde zwischen 1701 und 1705 für die Hugenotten errichtet.Foto: imago/Hoch Zwei Stock/Angerer

Auch in Berlin sah es nicht besser aus. Von 1209 Häusern standen 350 leer. Schweine liefen über ungepflasterte Straßen, an deren Rändern oft nur ein- oder zweigeschossige Häuser standen. Und damit sich nachts nicht vollkommene Dunkelheit über die verwinkelten Gassen legte, wurde verfügt, wenigstens jedes dritte Haus habe draußen eine Laterne anzubringen.

Seine Berater rieten dem brandenburgischen Kurfürsten, sich dringend um neue Bürger zu bemühen. Weshalb Friedrich Wilhelm den Hugenotten nicht nur Sicherheit versprach.

Er kündigte in seinem Edikt Subventionen an, für jene, die hier ein Gewerbe gründen wollten. Steuern und Zölle sollten erlassen werden. Die Hugenotten würden ihre eigenen Schulen haben – tatsächlich geht die Gründung des heute noch in der Derfflingerstraße in Tiergarten existierenden französischen Gymnasiums auf das Jahr 1689 zurück. Und ihre eigenen Kirchen, bis heute werden in der französischen Kirche auf dem Gendarmenmarkt Gottesdienste abgehalten.

Auch andere deutsche Landesherren warben mit Vergünstigungen, ebenso England, die Niederlande und Dänemark. Den Hugenotten eilte der Ruf voraus, tüchtig und innovativ zu sein. Ihre Sprache war das bevorzugte Idiom der europäischen Eliten, ihre Produkte à la mode.

Mindestens 200 000 Hugenotten verließen ihre Heimat, 40 000 wandten sich Deutschland zu, die Hälfte von ihnen ging ins ärmliche Brandenburg, das einem Franzosen kaum attraktiv erscheinen konnte. Das Potsdamer Edikt war ein Erfolg.

Réfugié zu sein war bei Hofe ein Karrierevorteil

Tatsächlich hielten Gewerbe wie die Strumpfwirkerei und die Seidenspinnerei in Berlin Einzug. Auch wenn die ersten dieser Unternehmen scheiterten, zu klein war anfangs die Zahl der potenziellen Kunden, trugen sie zum Aufschwung der sich langsam erholenden Stadt bei.

Réfugié zu sein war bei Hofe durchaus ein Karrierevorteil, sagt Robert Violet, heute Leiter des Hugenottenmuseums am Gendarmenmarkt. Die Hohenzollern teilten den gleichen, calvinistisch reformierten Glauben, im Unterschied zu ihrem mehrheitlich der lutherischen Kirche zugeneigten Volk. Die Hugenotten stellten bald einen erheblichen Anteil am noch jungen preußischen Beamtenapparat, saßen in den sich gerade erst gründenden Akademien der Wissenschaft und der Künste. Violets Vorfahren kamen übrigens vor elf Generationen aus dem französischen Metz über den Umweg Schweiz nach Berlin.

Bald neidete man den Neuen ihre Privilegien

Brandenburger und Berliner zeigten sich zunächst mitleidig. Doch schon die vom Kurfürsten erhobene Kollekte zugunsten der Flüchtlinge stieß auf Widerstand. Bald neidete man den Neuen ihre Privilegien. Über Jahrhunderte wurde die Integration der Hugenotten als beispielhaft gerühmt, seit 30 Jahren ist die Geschichtsschreibung dabei, diese Überlieferung kritisch zu hinterfragen. Denn tatsächlich gab es Fälle von Brandstiftung und eingeschlagenen Fenstern bei den neuen Nachbarn. Und während etwa die alte Friedrichswerdersche Kirche von beiden Glaubensrichtungen genutzt wurde – zur Eröffnung 1701 wurden zwei Feiern abgehalten, eine auf Französisch, eine auf Deutsch –, wiesen mancherorts lutherische Pfarrer ihren französisch reformierten Kollegen die Tür.

Umgekehrt blieben die Hugenotten ebenfalls lange lieber unter sich. Sie konzentrierten sich in den damaligen Neubaugebieten. In der Friedrichstadt rund um die Französische Straße lag der Hugenottenanteil bei 37 Prozent. Und die Einwanderer aus Orange hatten ihren Mittelpunkt in der Französischen Luisenstadtkirche, heute ist dort ein Parkplatz der Bundesdruckerei. Die nicht weit entfernte Oranienstraße verdankt ihren Namen wohl den Neubürgern aus Orange.

Noch in der dritten Generation heirateten die französischen Einwanderer bevorzugt unter sich. Nur jeder Fünfte suchte seinen Partner außerhalb der Gemeinde. Von dieser Enkelgeneration schreibt ein Chronist, dass sie oft bis ins hohe Alter, etwa 100 Jahre nach der Einwanderungswelle, das Deutsche nur schlecht beherrsche.

Auch in Robert Violets Familie dauerte es lang bis zur vollständigen Integration. Er erzählt, seine Ururgroßmutter, die 1902 starb, soll noch stolz darauf gewesen sein, dass sie ausschließlich Nachkommen von Réfugiés unter ihren Vorfahren hatte.

Der eingangs erwähnte Jean Migault schaffte es übrigens in einen sicheren Hafen. Seine Odyssee endete in Emden, wo er 1703 sein Journal schrieb.

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